740 Englische Kunst
denn auch in manchen Stücken, gleichwie in Frankreich, maßgebend auf die Kirchenbaukunsteinwirkte. Unter den Kathedralen sind besonders merkwürdig die zu Norwich, Nochester, Fly,theilweise auch die zu Winchester und Durham in vorgothischem Stile, und die zu Westmin-ster, Kork, Canterbury, Salisbury, Lincoln, sowie die Kapellen von Windsor und das Kings-college in Cambridge in gothischcm Stile. Unter den gothischen Schlössern behauptet dasprächtige Windsor den ersten Rang. Gegen Ende des 15. Jahrh. wurde, wie überall, so auchin England, der gothisch c Stil prunkend und überladen, und gerade hier mehr als sonst irgendwo.Allzu schmeichelhaft nannte man diese Epoche König Heinrich's VII. üoriä Avtkic; die Ka-pelle in Westminster ist das reichste Beispiel dieses Stils. Zahllose Bauten, die nach Been-digung der Kriege der Weißen und der Rothen Rose ausgeführt wurden, stellten diesen spät-gothischen Profanstil für lange Zeiten fest, und wie man in Frankreich gegenwärtig den Stilder Renaissance (s. d.) wieder cultivirt, so ist man in England nach großen Verirrungenim Gebiete der Classicität wieder zu dem spätgothischen Prosanstil zurückgekehrt, in welchemauch die neuen Parlamentshäuser gebaut werden. Übrigens ist nicht zu leugnen, daß dieserProfanstil an innerm Werthe über dem blühendgolhischen Kirchenstile steht und einer ernsten,malerischen Majestät nicht ermangelt. Besonders ist das Innere der sogenannten Hallen inSchlössern, Stadthäusern und Kollegien, deren noch mehre aus dem 16. Jahrh. erhalten sind,durch malerische Anordnung der gesprengten Holzdecken von größter Wirkung. Auch dieengl. Ncnaissancczeit, von der Mitte des 16. Jahrh. an, ist nicht zu verachten, zumal da W.Scott's Romane sie den Deutschen so nahe ans Herz gelegt haben. Von da an beginnt Ita-lien so stark auf England zu wirken, daß von einer eigentlich engl. Baukunst nicht mehr dieRede sein kann. Jnigo Jones (s. d.), 1572—1652, der Erbauer des Whitehallpalasts,war ein getreuer Nachfolger Palladio's. Christoph Wren (s. d.), 1632—1723, der eineungeheure Zahl von Prachtbauten ausführte, namentlich nach dem Brande i» London im Z.1666 und als der Erbauer der Kirchen St.-Paul und St.-Stephan in London, des PalastSHamptoncourt und des sogenannten Theatrum in Oxford einen großen Ruhm genießt, warebenfalls von seinen ital. und franz. Zeitgenossen völlig abhängig, doch nicht ohne Adel undStrenge in Verhältnissen und Anordnung. Was nach ihm gebaut wurde, hat meist ein sehrtrauriges Ansehen. Hogarth, wenn er recht bitter sein will, läßt einen tüchtigen Nococokirch-thurm Londons durch ein offenes Fenster hereingucken. Gegen Ende des 18. Jahrh., woaller Orten die Classicität über den Rococo Meister wurde, konnte auch England der Bewe-gung sich nicht entziehen, Stuart's „^ntiqmties «f Elkens" und „^ntiquities <»k,Vttic-r"brachten hier eine wahre Begeisterung für den griech. Baustil hervor, der denn auch, allenklimatischen Bedingungen Englands zum Trotze, vielfach angewandt wurde und für Eng-land noch nicht auf das richtige Maß seiner Anwendbarkeit im Norden zurückgeführt ist.Der in neuester Zeit wieder herrschend gewordene gvthische Profanstil wird gegenwärtig aufeigenthümlich tüchtigeWeise gehandhabt. Doch gibt London selbst hierzu nicht viele Belege, dadie großen Eigenthümer ihre Städtcwohnungcn nur als Absteigequartiere betrachten undden Luxus lieber ihren Landsitzen zuwenden.
Die Malerkunst fing in England erst seit der Mitte des 18. Jahrh. an, sich zu heben.Sie wurde hier während des Mittelalters in derselben Verbindung mit den übrigen Künsten,jedoch in weit geringerm Maße als in Deutschland, Frankreich und Italien, geübt. Im 13.Jahrh-, unter Heinrich III., kommen Wandmalereien vor, und aus der Zeit Eduard's III.,im 14. Jahrh., findet man in Urkunden häufige Bestellungen auf Heiligenbilder. In derKirche zu Shen befand sich ein Altarblatt mit den Bildnissen Heinrich's V. und seiner Fa-milie aus dem 15. Jahrh., auch wurden in dieser Zeit häufig Bücher mit Miniaturen verziert.Der Aufschwung der ital. und deutschen Malerei wirkte auch sichtbar auf den Kunstbetriebin England, ohne jedoch etwas Eigenthümliches hervorzurufen, und als die Reformationeintrat, ging mit den meisten vorhandenen Werken auch alle weitere Veranlassung zur Dar-stellung religiöser Gegenstände verloren. Schon lange vor der Reformation bis zum Endedes 17. Jahrh. waren es fast nur Ausländer, denen die eigentliche Malerei in England eini-gen Ruhm verdankt; unter Heinrich VII. der Niederländer Mabuse, unter Heinrich VIII.Gerhard Horenboul und der deutsche Historien- und Bildnißmaler HansHolbein der Jün-gere (s. d.), der manchen Einfluß auch auf andere Künste, besonders auf die Baukunst, hatte