Druckschrift 
4 (1845) D bis Entern
Entstehung
Seite
58
Einzelbild herunterladen
 

58 Dänemark (Geschichte)

größer», mannichfaltigern Abwechselung erschütternder Begebenheiten der Blick des Volksweiter, und eine scharfe, obgleich noch negative Kritik der äußern und inner« Verhältnisse er-griff Platz. Die frühere Billigung des Systems der Regierung hatte einen Stoß erhalten; dievermeintliche Umüchtigkeit und Todesangst der Befehlshaber im entscheidenden Augenblicke(>801) ward in Schmähliedern bloßgestellk. Von der andern Seite konnte der verzweifelteZustand der Finanzen den Gebildeter» nicht verborgen bleiben, sondern ward ein Gegenstandihrer angestrengtesten Aufmerksamkeit; auch dem Volke ward das Gehcimniß jeht ein offe-nes, da es die alte Silbermünze schwinden sah und mit Begriffen sich bekannt machen mußte,von welchen cs bis dahin keine Ahnung hatte. Die Gefahr des Vaterlandes weckte einenkraftvoller«, chrliebendern Geist; der Seekrieg wurde fast zu einer Art Guerillakrieg; dieKüstenbcwohncr lernten unter den häufigen kleinern Angriffen, daß die großen feindlichenNangschiffe nicht Alles ausrichtcn konnten. Derselbe Geist verbreitete sich in den gebilde-tem Kreisen und sprach sich auf verschiedene Weise nach der Individualität Derer aus, dieihn leiteten. Da faßten einige ältere besonnenc-re Männer den Entschluß, den Feind zu be-kämpfen durch Verzichtleistung auf die Luxuswaarcn, die großentheils seinen Reichthum undseine Kraft ausmachten, während die begeisterte Jugend sich zu dem Gefühle erhob, das jederwenigstens ein Leben dreinzuschen habe, und mit der edelsten Warme dem König und Va-terland ihren Arm, ihr Leben und Blut anbot.

Die neuere dänische, echt nationale Poesie, welche von Öhlenschläger's Muse auS-ging, weckte Frische, Kraft und Ernst und ward eine mächtige Stühe des erwachten Volks-lebens. Auch verkannte der König nicht den Standpunkt, wozu das Volk sich erhoben hatte,sondern strebte, wie stets, das Nationalgefühl zu unterstützen, wo er darin eine wirklich volks-thümliche Regung erkannte. Zeugen davon waren die Erweiterung des Danebrogsordcns,der nun einem jeden Manne von Verdienst offen stand, die Errichtung der Fredcriks-Univcr-sität in Norwegen (>8I I), wodurch ein heißer Wunsch dieses Volks erfüllt ward, und derBefehl, daß ein jährlicher Finanzetat durch den Druck veröffentlicht werden sollte. Alleindas Dancbrogskreuz schien bald blvs ein Ehrenzeichen für einen gewissen Rang, eine ge-wisse Stellung oder gewisse Amtsjahre zu werden; Norwegen ging 1815 verloren, unddas Finanzgesetz gerieth in Vergessenheit oder wurde anders ausgelegt. Der vorherrschendeGeist nach dem Frieden und in den darauf folgenden 15 Jahren (1816-66) war beimVolke ein gewisses glimmendes, mitunter niedergeschlagenes, selten lautes Gefühl. InDeutschland war der Gcmeingeist unter dem Freiheitskriege mit einem so edel», enthusia-stischen, heiligen Gepräge hervorgetreten, daß die Fürsten demselben ihre Hochachtung nichtversagen mochten. Er hatte sich im Kampfe bewährt und das Vaterland errettet; nun fe-derte er auch laut das Recht, an der Sorge für das errettete Vaterland Thcil nehmen zudürfen, und cs ward ihm zugestandcn. Der wiener Congreß gab allen deutschen Staatendas Versprechen einer ssändischen Verfassung, folglich auch Holstein. Der König bestätigtedie Privilegien der Ritterschaft in Holstein, wie seine Vorgänger es gethan, wiederholtedas Versprechen einer ständischen Verfassung und löste die Verbindung beider Herzogthümcrmit der Bank auf. Allein da man hiermit nicht zufrieden war, da Schleswig dieselben Wünschewie Holstein nährte, da erneuerte Petitionen die Sache ihrer Entscheidung nicht näherbrachten, so wandte sich die holsteinische Ritterschaft an den Deutschen Bundestag, währenddie Presse für die Rechte des Volks sprach. Inzwischen sing der unruhige Geist im Volkenach und nach an, sich zu verlieren, und cs trat ein Zustand äußerer Ruhe ein, während derGeist Kraft und Reife sammelte, um eine neue Bahn mit vollerm Bewußtsein anzufangen.Auch die Negierung brauchte Ruhe, um den Mitteln nachzudcnken, wodurch dem vom Kriegeso schwer mitgenommenen Reiche wieder aufgeholfen werden konnte. Wiederholte Steuerer-lasse trugen nicht wenig zur materiellen Verbesserung des Zustands des ackerbauenden Theilsder Nation bei; die Interessen der Städte wurden durch eine Reihe vonHandclstractatcnmit fremden Staaten gefördert, und den Mangel einer freien Staatsversassung suchte die Re-gierung durch eine durchgängig liberale Staatsverwaltung zu ersetzen.

Allein so besonnen und mäßig auch die öffentliche Meinung geworden war, so erhieltsich doch beim Volke die Überzeugung, daß tiefer eingreifende Reformen der Staatsver-waltung nothwendig, daß die Ncgierungscollegien zu sehr mit den laufenden mechanischst'