Caricatur 201
Caricatur, Zerr- oder Spottbild (von dem ital. caricnrc-, d. i. überladen, übertreiben,bei den Franzosen e.In>r-;er, daher ans dem Theater ch arg irt e Darstellung), nennt maneine Darstellung, in welcher Thcile, Eigenschaften, Merkmale des dargestclltcn Gegenstandsübertrieben erscheinen, die Ähnlichkeit aber unverkennbar durchschimmcrn läßt und durch denGegensatz, welcher sich dem Betrachtenden dabei aufdringt, lächerlich wirkt. Die Caricaturnimmt eine ähnliche Stelle ein, wie die burleske Satire in der Poesie und ist namentlich in freienStaaten ein Büttel, Angriffe auf die Person hochgestellter Staatsbeamten, ja auf die durchsic rcpräsentirtc Staatsverwaltung selbst gleichsam in «Klivie auszuübcn und Das auszuspre-chen, was in Schriften auszusprechen verwehrt oder gefährlich sein würde. Wenn die Cari-cakur nicht zu ausschließlich das blos körperlich Häßliche einer Person, es noch übertreibend,zu ihrer Zielscheibe macht, hat sie außerdem noch Das vor dem schriftlichen Angriffe auf einePerson coraus, daß sic nicht direct zum Haffe, sondern nur zum Lachen reizt, wie die guteKomik immer auch eine gemächliche Seite hat und die Deutung zuläßt, daß der Verfertiger,insofern er auch Künstler ist, nur einer augenblicklichen phantastischen Laune den Zügel hatschießen lasten. Indem man beim Anschauen einer guten geistreichen Caricatur über denglücklichen Einfall und die treffliche Laune des Künstlers lacht, vergißt man dabei den per-siflirten Gegenstand auszulachen. Eine wirkliche Misbildung oder Ungestalt läßt sich nichtcarikiren, man würde, wenn man das Häßliche noch verhäßlichen wollte, das ästhetische undmoralische Gesicht zugleich beleidigen und ohne Nutze» eine Caricatur der Caricatur liefern; -aber auch die schönste menschliche Körpcrbildung bietet meist ein Merkmal, welches durcheinen einzigen übertreibenden Zug jene in eine Caricatur verwandelt, denn wie es eineJdcali-sirung ins Schöne gibt, so gibt es auch eine ins Häßliche, weshalb man die Caricatur auchein verkehrtes Ideal genannt hat. Aber das Körperliche allein zu carikiren, ist für den Carica-turisten die Hauptaufgabe nicht, vielmehr verbindet er damit eine moralische Tendenz undden Zweck, zugleich die entsprechenden, selbst verschuldeten geistigen Gebrechen der dargestcll-ten Person zur Anschauung zu bringen. So lassen sich durch die satirische Caricatur ganzeGattungen charakterisiren, wie der Dumme, der Geizige, der Prahler, der Murrkopf, derHochmüthigc u. s. w., wenn der Künstler, wie Leonardo da Vinci in seinen Caricaturcn, denHabitus, der sich an den Repräsentanten solcher Gattungen wahrnehmen läßt, richtig auf-zufassen und zugleich durch die glückliche Übertreibung oder nur durch die vorzüglich kräftigeAusprägung eines charakteristischen äußern Merkmals oder mehrer Merkmale die unter-scheidende geistige Physiognomie deutlich hcrauszustellen weiß. Oft erscheint auf einemCaricaturbilde jedes einzelne Merkmal für sich ganz genau und naturgetreu wiedergegeben,aber indem man die Merkmale, die an verschiedenen Repräsentanten der Gattung hcrvor-trcten, auf das Abbild eines Individuums überträgt und dessen Persönlichkeit gleichsam zumSammelplatz aller geistigen und körperlichen Eigenheiten der Specics macht, findet eineÜbertreibung statt, wodurch das Bild zur Caricatur wird; umgekehrt kann man aber auchdurch die carikirte Auffassung eines bisher nur an einem Individuum wahrgenommenen, sel-ten oder nie wiederkehrenden Merkmals eine ganze Gattung carikiren, und gerade hieraus läßtsich erklären, daß häufig ein oder das andere Individuum plötzlich zu der zweideutigen Ehregekommen ist, der typische Repräsentant aller Seinesgleichen, seines Standes, seiner Beschäf-tigung oder seiner geistigen Richtung zu werden. Die Caricatur ist das Ideal für den Sati-riker, und es gab wol selten oder nie einen Satiriker, welcher die Wahrheit Zug für Zugwiedergegeben und nicht hier und da zucaritirendenHülfsmirteln gegriffen hätte; der Satiri-ker ist stets eher ein Ostade oder Teniers als ein Balthaser Denner. Die Komödie wie diepoetische Satire überhaupt kann sich die Caricatur unmöglich.nehmen lassen; die Buffonc-rien, die Burlesken beruhen hauptsächlich auf dem Gebrauche der Caricatur; Caliban, selbstFalstaff bei Shakspearc, Don Quixote bei Cervantes, Tartaglia bei Gozzi, der Buffoder ital. Oper» hutth, die verschiedenen Masken des ital. Volkslustspiels sind Caricaturcn;auch auf der deutschen Bühne kommen dergleichen häufig zur Anwendung und geben demSchauspieler nur zu oft Gelegenheit, die schon carikirte Zeichnung durch Tracht, Geberdungund Sprache ru übercarikiren. In der bildenden Kunst ist die Grenze, wo die Caricatur in dasWiderwärtige übergeht, ebenso leicht zu überschreiten, ja man möchte sagen noch schwerer -uvermeiden; aber sie ist hier um so weniger zu verwerfen, da die bildende Kunst kaum ein