Ealabricn 113
Calabrien ist die südwestlichste zum Königreich beider Sicilicn gehörige HalbinselItaliens, welche zwischen den Küsten des Tyrrhenischen Meers, des Faro di Messina, desJonischen Meers und Tarcntinischcn Golfs von einem wild zerklüfteten Gcbirgslandc aus-gefüllt wird, das sich auf dem nördlichen l v M. breiten Isthmus dem System des Hoch-Äpcnnin anrciht. C. ist ungefähr 320 llM. groß und hat über 900000 E., darunter vieleArnauten. Die Küsten werden durch die Einbiegungen der Golfe von San-Eufemia undvon Squillacc flach gegliedert und springen am markirtcsten hervor mit den Caps dell' Allste,Colonna, Nizzuto, di Stilo, Spartivcnto, dcll' Arm! und Vaticano. Nur kurze Küstcn-flüffe durchrauschen meist wilde Thäler; unter ihnen sind noch am bedeutendsten der Crati,Niets, Coraco und Alaro im Osten und westlich der Metramo, Amato und Lao. Die Ge-birgsausfüllungen erscheinen durch vulkanische Kräfte zertrümmert in einzelne Gruppen,die tiefe Spalten voneinander treimen, im Allgemeinen aber am höchsten und steilsten an dieWestküsten herantreten. Im Norden erhebt sich der Monte-Pollino zu 7000 F., in der Mitteerreicht der Monte-Selicella fast 5000 F. und südlich steigen die Gipfel der Eebirgsinsel desAspromontc wieder zu 6000 F. auf. Die genauere Kenntniß dieses merkwürdigen Lan-des verdanken wir erst dem Kriege der Franzosen mit den stolzen und fanatischen Calabre-sen während Napoleon's Herrschaft. Im Alterthume war C. ein Theil Eroßgriechenlands,das Vaterland des Charondas, Zaleukus, Praxiteles, Agathoklcs und anderer berühmtenMänner, wo auch Pythagoras seine Lehren verbreitete. Hier, wo einst dasavollustathmendeSybaris stand, ist Land und Volk jetzt in tiefe Barbarei gesunken. Das Klima ward schonim Alterthume gepriesen; nur in einigen Gegenden erzeugen stillstehende Gewässer in derheißen Jahreszeit ansteckende Krankheiten. Der häufige Thau unterhält fast während desganzen Jahres ein reizendes Grün. Schon Plinius rühmt die Fruchtbarkeit des schwarzenBodens, der, mit Ausnahme der großen Ebene Marcesato, welche einer Wüste gleicht, über-all die kalkartigen Felsen bedeckt. Die schönsten Wälder von Fichten-, Tannen- und Lerchcn-bäumen, sowie die harzreichen Bäume des von den Alten viel gepriesenen Silawaldß be-schatten den Rücken der Apenmnen. Auch wachsen hier die immergrüne und die Cochenil-leneiche, die orient. Platane, die Kastanie, der Zirbel- und Nußbaum, die Aloe und Feige.Der Eschcnbaum gibt das Calabrische Manna. An der Küste findet man den immcr-grüncnden Tamariskenstrauch und den Erdbeerbaum. Aus dem Schilfrohr (ssrrsckio)verfertigen die Bewohner Schifftaue, Körbe, Matten, Seile und Netze. Ungeachtet der ge-ringen Cultur gedeihen vortrefflicher Wein und gutes Ol; ausgeführt werden Getreide undReis, Safran, Anis, Süßholz, Färberröthc, Flachs und Hanf, sowie Südfrüchte. Auch dieSeide ist sehr gut. Nicht weniger reich ist C. an Schafen, Hornvieh und besonders schönenPferden. Die Gewässer enthalten Thunfische, Muränen und Aale. Bei Reggio fängt mandie kiima Marino, eine Art Muschel, aus deren feiner Wolle man einen seidenähnlichenStoff verfertigt, der sehr leicht ist und doch gegen Kälte schützt. Auch fischt man Korallen.Die Steinbrüche und Gruben liefern Alabaster, Marmor, Schleifsteine, Gyps, Alaun,Kreide, Steinsalz, Lasursteine und das schon zu Homer's Zeit berühmte Kupfer. Obgleichkaum 40 Stunden von Neapel entfernt, ist der Calabrese doch unwissend und roh; dabeiaber aufrichtig, gastfrei und voll Ehrgefühl, deshalb jedoch auch sehr empfindlich und nachBeleidigungen meist unversöhnlich. Neben wenigen Reichen gibt es auf dem Lande fast lau-ter Arme. Die Sprache der Calabresen, ein verdorbenes Italienisch, ist schwer zu verstehen,aber voll origineller und bezeichnender Ausdrücke. Die einigermaßen gebildete Elaste drücktsich mit genialer Leichtigkeit und Wärme aus. Ihre Mimik ist äußerst lebhaft und verständ-lich, und ihre Überredungskunst einnehmend. Die Frauen sind in der Regel nicht schön, ver-heirathen sich frühzeitig, altern schnell und werden eifersüchtig von ihren Männern beobach-tet. Die mangelhafte Justizpfiege macht die Calabresen sehr geneigt zu Processen und Chi-kanen. Der Aberglaube, welcher in allen Elasten herrscht, sodaß selbst der Räuber eine Re-liquie auf der Brust trägt, die er im Augenblicke der verbrecherischen That um Beistand an-ruft, findet an den meist so unwissenden als verdorbenen Geistlichen seine kräftigste Stütze.Solche Zustände eines von Natur so kräftigen Menschenstamms lassen sich erklären durchdie Einflüsse einer ewig Gefahr drohenden Natur, durch die historischen Wechselschick»Conv.-Lex. NeunteAufl. III. 8