70 Buße Büßende
zerne Tafeln eingegraben, von denen Plutarch noch wenige Überreste fand. Die sigeische In-schrift in Böckh's„6urj)U8 inscriplioilum" sl^o.8) gibt eine anschauliche Vorstellung davon.
Buße nennt man im Allgemeinen jedes Leiden, das zur Vergütung eines begangenenUnrechts erduldet wird, und jede Leistung für zugefügten Schaden. Nach den Aussprüchendes Neuen Testaments versteht man darunter die durch Neue, d. h. aus Erkenntniß derSünde entstandene Betrübniß über den Verlust der göttlichen Gnade und Geneigtheit zurBesserung, und durch den Glauben, d. h. die zuversichtliche Erwartung, mittels der versöh-nenden Kraft des Todes Jesu Vergebung der Sünden von Gott zu empfangen, erzeugteSinnesänderung. Entsprechend dem alten rechtlichen Begriffe betrachteten die Juden diereligiöse Buße als eine Genugthuung, die der Sünder wegen seiner Vergehungen Gott zuleisten habe. Aus dieser Rücksicht verrichteten sie lange Gebete, fasteten, zogen Säcke oderschlechte Kleider an, ließen sich das Haupt mit Asche bestreuen, geißelten einander und unter-zogen sich andern Bußübungen. Zufolge einiger neutestamentlicher Stellen, z.B. wenn Chri-stus sagt: „Nehmet hin den heiligen Geist, welchen ihr nachlasset die Sünden, nachgelassenwerden sie diesen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten", erklärt die katholischeKirche, nach dem Vorgänge des Bischofs Otto von Bamberg, um 1124, und des Schola-stikers Petrus Lombardus, die Buße für ein Sacrament, durch welches die Menschen in einsolches Verhältniß zu Gott gesetzt werden, als wenn sie gar nicht gesündigt hätten, sodaß sienicht mehr als Übertreter und strafbar, sondern als heilig und mit Ansprüchen auf das ewigeLeben vor ihm erscheinen. Die sogenannte Materie des Sacraments besteht in drei Stücken,in der Zerknirschung, Ohrrnbeichte a md Genu atkmuna, die Form in der Absolution. AlsGenugthuung legt theils die Kirche silbst llltl Büßenden Werke auf, theils dringt sie auffreiwillig zu übernehmende Werke, z. B. Fasten, Wallfahrten, Gebete u. s. w., indem sieaber immer dabei die Meinung festhält, daß dies Alles erst durch den Opfertod Jesu völliggenugthuende Kraft erhalte. Nach protestantischer Ansicht ist die Buße kein Sacrament,weil sie nicht vom Stifter der christlichen Religion als solches eingesetzt ist, und wird, nachden Aussprüchen der symbolischen Bücher, ganz allein durch die göttliche Gnade ohne alleseigene Verdienst des Menschen bewirkt, da er nur durch das Verdienst Christi begnadigt undselig werden kann. Bei den Socinianern, mit deren Ansichten in dieser Beziehung die Ar-minianer übereinstimmen, erlangt der Sünder nicht durch die stellvertretende GenugthuungChristi, sondern durch Reue, welche einen reinern Lebenswandel zur Folge hat, Vergebungseiner Sünden; er wird von der Gemeinschaft, wenn er als Sünder bekannt geworden ist,ausgeschlossen und muß, um wieder ausgenommen zu werden, vor der Gemeinde beichtenund durch Zeugen beweisen, daß er sich wirklich gebessert habe. Nach den Ansichten derQuäker ist Buße nur durch eine höhere göttliche Kraft, welche dem Sünder aushilft, mög-lich. Sie fodern vom Büßenden ein schriftliches Bekenntniß seiner Vergehungen und schlie-ßen ihn, wenn er cs nach mehrmaligem Erinnern nicht aufse'tzt, von der Gemeinschaft aus.
Äüßenhe oder Büßer nennt man die Brüderschaften, die die Liebesdienste als Buß-übungen verrichten, in den Hauptstädten Italiens, namentlich in Rom, noch bestehen und Laienaus allen Ständen in sich vereinigen. Nach der Farbe ihrer Kutten heißen sie Graue Büßer, wiedie 1264 gestiftete Brüderschaft von der Kirchenfahne zu Sta.-Lucia in Rom, oder Schwarze,wie z. B. die Brüderschaft der Barmherzigkeit und die des Todes, vom Orden des heil. Einsied-lers Paul, gestiftet zu Rouen l«2», aufgehoben von Urban VIII., die mit den Minimen(s. d ) des heil. Franz von Paula nicht zu verwechseln ist; ferner Rothe, Blaue, Grüne, Vio-kette Büßer u. s. w. Da aber mehre ein und dieselbe Kutte tragen, so unterscheidet man siewieder nach der Farbe des Gürtels oder Mantels, hauptsächlich aber nach den Schildern mitkirchlichen Symbolen oder dem Bilde des Schutzheiligen, die jede dieser Brüderschaften aufder Brust trägt. Gänzlich gleich sind die Büßer einander in dem Schnitte ihrer Kleidung, dieaus einer Kutte und dem Bußsack besteht, der, um sie unerkannt zu lassen, Kopf und Schul-tern verhüllt und nur zwei Löcher für die Augen hat. Die ältern Vereine dieser Art führenden Namen Erzbrüderschaften und sind durch ihre Privilegien vor den übrigen, die von ihnenabstammen, ausgezeichnet; geistliche und weltliche Obrigkeiten begünstigen sie in katholischenStaaten, da ihre Thätigkcit manche Lücke in den öffentlichen WohlfahrtSanstaltcn ausfülltlind oft wahrem Bedürfnis, wie durch Ausstattung armer.Mädchcn, durch Bekehrung von