673 Australien
übstoßenden Eindruck. Polygamie ist erlaubt, scheint aber wegen Nahrungsmangel unddünn vcrtheilter Bevölkerung nicht benutzt zu werden. Von statischen Verfassungen findetsich keine Spur; die aus wenigen Familien bestehenden Stämme oder Horden schwei-fen in den Wildnissen des Innern und an den Küsten umher im Interesse der Jagd undFischerei; alle ihre Thätigkeitsäußerungen scheinen blos auf Erhaltung des Körpers be-rechnet zu sein, daher Industrie und Kunst hier als unbekannte Worte erscheinen. DasFestsetzen und Wciterschreiten der Europäer droht den Einzelnen einen noch schnellem Un-tergang als den Indianern Amerikas; sie werden in die unwirthlichen Tiefebenen zurück-gedrängt und in nicht ferner Zeit nach und nach ein Opfer ihrer Abneigung gegen diehöhere Bildung des cingewanderten Colonisten werden. Anders zeigten sich bei Bekannt-schaft mit den Europäern die hellfarbigen Malayen, welche je nach ihrer mehr östlichen oderwestlichen Verbreitung eine mehr oder mindere Hinneigung zur mongolischen oder kaukasi-schen, und zwar besonders hinduschen Bildung zeigen. Hier lernte man pseudo-paradiesischeVölker kennen, zutraulich, kindisch lenksam und naiv, im Besitze einer merkwürdigen undeigenthümlichen Cultur, bekannt mit Ackerbau, Industrie und Handel, dem Christcnthumund europ. Civilisation zugänglich. Wo beide Hauptgruppen auf einer Insel wohnen, erscheintder schwarze Stamm als unterwürfiger; doch auch unter den hellfarbigen Malayen fandensich Stämme in gleicher Roheit, mit Untugenden versehen, die das Vordringen der Euro-päer erschwerten, und denen mancher kühne Seefahrer unterliegen niußte.
Die politischen Zustände des austral. Festlandes und der nächsten Inseln sind noch inder Entwickelung begriffen, ihr gegenwärtiges Bild aber weisetschonso viel Charakteristisches,so viel Interessantes auf, daß cs keineswegs als voreilig ausgesprochen erscheinen kann,wenn man in ihrer Entfaltung eine der schönsten und segensreichsten Früchte des europ.Colonisationssystems bezeichnet. Die Geschichte der Colonien in A. beginnt äußerlichmit dem Abfalle der amerik. Colonien, besonders Virginiens, wohin seit dem Beginndes 17.Jahrh. Verbrecher deportirt wurden; innerlich aber liegt ihrKeim in dem krankhaftenZustande Europas, den es seit einem halben Jahrhundert zu vernichten strebt durch totale sitt-liche Reform seines ganzen Lebens, und worin England allen andern Nationen vorangeht.Der große Pitt faßte zuerst die Idee, zur Aufnahme und sittlichen Verbesserung Verur-thcilter eine besondere Colouie zu gründen, wozu von Banks die Gegend der Botanybai inNeusüdwalesausersehen wurde. Im Mai l787 segelte der zum Gouverneur bestimmteSchiffscapitain Philipp, der Sohn eines Deutschen zu Frankfurt am Main, dorthin ab,mit einer Flotte von elf Schiffen, auf der sich, außer den näthigcn Beamten, etwa 200Seesoldaten, 776 Verbrecher und die nothwcndigenVorräthebefanden. Am26.Jan. 1788legte Philipp den Grund zur Stadt Sydney, dem Mittelpunkt der Colonie Neusüdwales(s. Sydney und Neusüdwales) cs bedurfte aber seiner ganzen Energie und rastlosenThätigkcit, die Besitzung zu behaupten, denn sie glich im ersten Vierkeljahrhundert nur einemZuchthause im großartigen Stil, schlecht und kostspielig eingerichtet und fern von der Fürsorgeder heimatlichen Regierung. Nachdem Niederlassungen bei Parramatta und auf der Ror-folkinsel gegründet, mehre freie Colonisten eingcwandcrt waren und solche aus den aus-gedienten Soldaten oder den ihre Zeit abgcbüßten Verbrechern gemacht wurden, entstandeine freie Bevölkerung, die freilich keine besondere moralische Basis hatte, und deren vor-theilhastem Wirken eine verfehlte Maßregel entgegentrat. Man errichtete nämlich ein ei-genes, nur für die Colonie bestimmtes, sich aus England rekrutircndeS Ncusüdwales-Negi-ment, dessen Mitglieder allmälig in Colonisten umgcwandelt werden sollten. DieOfsizier-stcllen wurden großentheils an unverheirathete Männer von nicht sehr festen moralischenGrundsätzen verkauft, welche streng zusammenhielten und gegen die wenigen Civilbeamtencm so überwiegendes Ansehen auf die verderblichste Weise geltend machten, daß sie bald denganzen Handel an sich rissen, den Absatz geistiger Getränke und dadurch die Trunksucht be-förderten, also in vielfacher Beziehung das Beispiel abstoßender Unsittlichkcit gaben. Als dasRegiment Neusüdwalcs 1791 angelangt war, legte Philipp sein Amt 1792 nieder; ihm folgte1795 der Gouverneur Hunter, der sich um Vermehrung der freien Bevölkerung und Grün-dungneuer Etablissements verdient wachte, denn es entstanden unter ihm Castlehill, Banks-town und Windsor, der aber den schädlichen Einfluß des OffiziercorpS nicht unterdrücken