48 Abyssinien
Kampf zwischen stanz.-kathol. und engl.-protestantischen Emissären und Missionaren,mit denen das Land überschwemmt ist, besteht. In Folge der durch die Verwüstungender Gallas und die religiösen Zerwürfnisse cingetrctenen innern Auflösung ist der König oderNegus zu einem bloßen Schattenbild herabgesunken, dagegen haben sich die Nas oder Statt-halter der einzelnen Provinzen zu factisch unabhängigen Herrschern gemacht. Sv zerfälltA. jetzt in drei unabhängige Hauptstaaten: den von Tigre, welcher den nordöstlichen Theildes Hochlandes, zwischen demTacazze und dem Gebirge Simen einerseits und dcr Samharaandererseits, mit den Städten Antalow und Adaua umfaßt; ferner den von Gondar oderAmhara, das Land westlich vom Tacazze und dem Gebirge Simen, mit der Hauptstadt Eon-dar umfassend; und endlich den von Schoa und Efat, südlich von jenen beiden gelegen,mit der Hauptstadt Ankober. Außerdem gibt cs noch mehre kleine halbunabhängige abys-sinische Fürsten. Wichtiger als diese sind die Gallastämme, welche, unter eigenen Häuptlin-gen, sich mitten unter die abyssinischen Provinzen hincingcdrängt und viele derselben unter-worfen haben. Sie sind vorzüglich im Süden des Hochlandes vorherrschend, wo sic dasReich von Schoa und Efat, das in der neuern Zeit jedoch viele Landstriche ihnen wieder ab-genommen, ziemlich ganz umgeben. Die Lebensweise der einzelnen Gallastämme ist je nachdem Standpunkt ihrer Bildung sehr verschieden; manche sind seßhaft und gesitteter gewor-den und haben der günstigen Rückwirkung der abyssinischen Civilifation nickt entgehen kön-nen, so besonders die, welche im Innern mit Abyssinicrn vermischt wohnen, von denen sogareiner zum Christenthume übergegangen ist; andere dagegen bewahren noch völlig ihre alteWildheit und Grausamkeit, doch scheint ihre Macht in der neuern Zeit abgenommcn zu ha-ben. Außer den Abyssinicrn und den Gallas, wird das abyssinische Hochland noch bewohntvon den jüdischen Falaschas in der Provinz Simen, die wahrscheinlich von Juden, welche nachder Zerstörung Jerusalems durch TituS ausgewandert, herstammen, und vondenNegcrsiäm-men, welche unter dem Namen der Schangallas den westlichen Theil des Gebirges, das Dar-el-Vertat und das Fassokl, sowie die sumpfigen Niederungen im Norden bevölkern. Der Kü-stenstrich der Samhara wird von den nomadischen Stämmen der Danakil bewohnt, Mo-hammedanern, die, gleichwie die meisten Schangallas, Höhlenbewohner sind, und von denendie im Norden dcrSamhara lebenden, von einem die Souverainctät der Pforte anerkennen-den Naib regiert werden, dessen Residenz die Hafenstadt Arkiko ist, gegenüber der Insel Maf-sauah, welche der Pascha von Ägypten besitzt. Noch sind die beiden, nur ans altern Berich-ten bekannten merkwürdigen Länder Kassa und Narea, auf einer im Süden von einer Ge-birgskette umgebenen Hochebene gelegen, zu erwähnen. Tie bilden, die südlichsten Punkte desabyssinischen Hochlandes, die Wasserscheide zwischen dem Nil und dem in den indischen Oceanmündenden Cebc, der in ihnen entspringt, und werden südlich wahrscheinlich von den FlächenJnnerafrikas und östlich vom Tieflande Dschindschiro begrenzt. Rings von Gallashordenumgeben, haben ihre Einwohner, ein in körperlicher wie geistiger Hinsicht ausgezeichnetesVolk mit eigener Sprache, das, eben so treu als tapfer, keine dunklere Gesichtsfarbe hat alsdie Südeuropäer, ihre Unabhängigkeit zu bewahren gewußt.
Der gegenwärtige Zustand des eigentlichen A. ist in Folge der innern Streitigkeiten undder Kriege mit den Gallas ein höchst zerrütteter, der die alte Civilifation des Volks immermehr untergraben und das an sich intelligente und geistig wie körperlich begabte Volk derAbyssinier sehr demoralisirt hat, sodaß cs allgemein als betrügerisch und hinterlistig geschil-dert wird. Am vortheilhaftesten ist noch der Zustand des Reiches Schoa und Efat, das bes-ser bebaut, zahlreicher bevölkert und innerlich beruhigter ist, als die übrigen abyssinischen Län-der. Zwar sind die Abyssinier Christen, doch besteht ihr Christenkhum fast nur in der strengenBeobachtung der Ceremonialgefttze, und obgleich ihre zahlreiche Geistlichkeit sich viel mit dendogmatischen Spitzfindigkeiten beschäftigt, so sind sie ihrer Gesinnung nach doch nur sehr laueChristen. Sie bilden eine eigene Kirche, deren nominelles Haupt der Negus, deren eigcntli-liches Oberhaupt aber Abuna, d. h. „unser Vater" ist. Diesen empfängt sie gewöhnlich vomkoptischen Patriarchen in Alexandrien, da die abyssinische Kirche mit der koptischen einerleiLehrbegriff hat, nämlich den monophysitischen (s. Monophysiten), während sie in Ri-tus und Disciplin im Allgemeinen der orthodoren orientalischen gleicht. Doch hat sie auch vieleEigenthümlichkeiten, die mW alten orientalischen Gewohnheiten herrühren; so die Beschnei-