Abyssinien 47
namentlich durch das Memnonium und einen großen Tempel des Osiris nebst dessen Grab.In dem erstem entdeckte W. I. Bankes im I. 1818 die berühmte, gegenwärtig in Paris be-findliche Stammtafel, auf welcher die Namen der Pharaonen aus der 18. Dynastie einge-hauen find. Abzeichnungen hiervon haben Mehre, zuerst Wilkinson und Caillaud, geliefert.
Abyssinien oder Habesch begreift im weitern Sinne das Gebiet des großen östlichenHochlandes von Mittelafrika, das, terrassenwcise im Nordost vom Rothen Meere nach Süd-west aufsteigend, im Norden zu den sumpfigen und waldigen Niederungen der Kolla oder Ma-zaga und im Westen in die Ebenen von Sennaar und Kordofan abfällt, im Osten von demsandigen Küstenstrich der Samhara am Rothen Meer und dem Lande Adel am Meerbusenvon Aden begrenzt wird, im Süden aber noch zum Theil ziemlich unbekannt ist. Das Landbesteht in Hochebenen mit tiefen Schluchten, steil aufsteigenden Sandsteinterraffen (Ambasgenannt). Die Hochebenen werden von vielen Bergketten, meist vulkanischen Ursprungs,durchzogen, die in ihrem höchsten Punkte in den Provinzen Simen und Godschem bis zu14000 F. aufstcigen. A. ist das Ouellenland des Nil (s. d.). Zn Süden fließt der ziem-lich unbekannte Hawasch; auch enthält das Gebirge mehre Seen, von denen der Tzanasee,welchen der Blaue Nil durchströmt, der bedeutendste ist. Das Klima ist im Hochgebirge ge-mäßigt und gesund, in dem sandigen Küstenstrich im Osten und in den sumpfigen Niederun-gen im Norden und Nocdwest glühend heiß und ungesund. Wie im Klima, so macht auch inBezug auf das Pflanzen - und Thierrcich der Gegensatz von Hochland und Niederung einendurchgehenden Unterschied. Die Hauptmasse der Bewohner bilden die Abyssinier, die Nach-kömmlinge der alten Äthiopier, die über Meroe den Nil entlang Ägypten bevölkerten. Ob-gleich ein altes afrik. Stammvolk, gehören sie doch nicht zur Negerrace; denn wenn sieauch braun in verschiedenen Abstufungen sind, so zeigt doch ihr langes Haar, ihre der arabi-schen ähnliche Eesichtsbildung, ihr schöner Körperbau, ihre mit den semitischen verwandteSprache, daß sie zu der kaukasischen Race und speciell zu dem semitischen Stamme derselbengehören, von dem sie den Übergang zur afrik. Race der Neger bilden.
Wenn auch die Berichte über die älteste Geschichte A.s voller Fabeln sind, so beweisen siedoch, daß seine Bewohner zu den ältesten Kulturvölkern der Erde gehören. In der Geschichteerscheinen die Abyssinier zuerst in dem Reich von Axum (s. d.). Das Christenthum wardin der Mitte des 4. Jahrh. unter ihnen eingcführt und breitete sich bald über ganz A. aus.Unter den axumitischen Herrschern erreichte das abyssinische Reich seinen größten Glanz, derjedoch bald durch das Umsichgreifen des Islams sein Ende fand. Seitdem begannen die bis indie neueste Zeit dauernden Kämpfe zwischen den Abyssiniern und dem Islam, welche A. immermehr beschränkten; so ging namentlich der Küstenstrich der Samhara und des Landes Adelan den Mohammedanismus verloren. Noch nachtheiliger wurden für das damals schon aufdas Hochland beschränkte abyssinische Reich die im 16. Jahrh. beginnenden Einfälle derGallas, eines wilden, negerartigen Volkes, das, von Süden her kommend, ein Stück nachdem andern von A. abriß, es furchtbar verwüstete und dadurch in immer größere Barbareizurückwarf. Mit Europa hatten die abyssinischen Herrscher, welche den Titel Negus führten,im Mittelalter, seit den Kreuzzügen immer in einiger Verbindung gestanden; in nähere Be-rührung kamen sie seit dem Ende des 15. Jahrh. vorzüglich mit Portugal. Hierdurch wardder röm. Hof auf den Gedanken gebracht, die Abyssinier zum Katholicismus zu bekehren.Der vereinigten Thätigkcit der Portugiesen und der Jesuiten, welche erstere dem abyssinischenReiche große Dienste in den Kriegen mit den Mohammedanern und Gallas leisteten, gelanges auch wirklich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. großen Einfluß in A. zu erhalten,1603 die Königsfamilie zum Katholicismus zu bekehren und eine Union der alten Landes-kirche mit der röm. zu Stande zu bringen. Innere Kämpfe waren die Folge davon, dadas Volk seinem alten christlichen Glauben treu blieb, und erst als der König SociniuSvom röm. Glauben wieder sich abgewandt hatte und die kathol. Priester 1632 vertriebenoder hingerichtet waren, kam das Land zur Ruhe. Seit dieser Zeit hat der röm. Hof nichtunterlassen, immer von neuem Versuche zu machen, wieder Einfluß zu gewinnen, besondersin der neuesten Zeit, wo deutsche und englische Missionare die Abyssinier für den Protestan-tismus zu gewinnen suchten. Mit diesen religiösen Bestrebungen verbanden sich rivalisirendepolitische Absichten der Kabinette von Paris und London, sodaß gegenwärtig ein offener