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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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46 III. Lebensarbeit.

Schon war er in die sechste Dekade seiner Lebensjahre getreten. Die fortschreitendeZeit änderte aber für den, der ihn täglich sah, nur wenig an seinem äussern Wesen. Lebendigsteht er vor unser aller Augen: eine kraftvolle, überragende Gestalt, breitschultrig und inden letzten Jahren wohlbeleibt, den Kopf leicht zur Seite geneigt, mit wallendem Haar,das, wie der Bart, ins Graue schoss. Aus dem Antlitz mit der hohen Stirne blitzten Geistes-funken. Durch die Brille schauten helle, lebhafte Augen. Seine Stimme konnte im Affektmit Macht erschallen; aber er liebte über alles ein lebendiges Gespräch. "Wie sein Vater,wusste er vortrefflich zu erzählen. In befriedigten Momenten spielte ein feines Lächeln umden Mund.

In seiner Umgebung erlebte er noch manches, was ihn freute. Seine Söhne gründeteneigene Familien, und eine „kreuzfidele" Enkelin aus Berlin begrüsste ihn im Sommer 1895als Grossvater. Gegen Ende des Jahres feierte seine Schwiegermutter, Frau Bürke, dienun Urgrossmutter geworden war, ihren achtzigsten Geburtstag. Er nahm bewegten Anteilan dem seltenen Feste und pries die Greisin glücklich, die „im stillen Abendsonnenschein"des Lebens mit heiterer Zuversicht auf drei vor ihr aufgewachsene Generationen schauenkonnte.

Daneben arbeitete er ununterbrochen weiter und gönnte sich keine anhaltende Erholung,es sei denn, dass er während der Ferien einmal seine Jugendfreundin Charlotte Meyerim Schwabenland besuchte, die sich mit ihrem Manne „wie ein Engel auf gute Gastfreund-schaft verstand". Während mancher Monate des Jahres 1895 beschäftigte ihn Vadian.Er übersetzte die von Johannes Kessler in schwerfälligem Latein verfasste Vita und legtesie den erwähnten biographischen Arbeiten zu Grunde, die er für deutsche Sammelwerkeschrieb. Er gieng an die Aiisgabe der Chronik des Hermann Miles, die schon vorvielen Jahren durch ihre Nachrichten und ihre eigentümliche Komposition seine Aufmerk-samkeit erregt hatte, und bereits war ihm auch eine neue Bearbeitung der Sabbata über-tragen, die eine würdige Ausstattung erhalten und dem anmutigen Werke eine allgemeinereTeilnahme sichern sollte. Bei alledem nahm er sich gleichwohl Zeit, die Gaben seiner Museauszustreuen. Zum sechszigsten Geburtstag seines ältesten Freundes in St. Gallen, am9. Dezember 1895, stellte er sich mit einer sinnigen Dichtung ein, und noch auf das25 jährige Jubiläum des Waisenvaters, am 13. April 1896, bot er einige Lieder für den Chorder Waisenkinder dar. Singet, rief er ihnen zu:

„Singet, singet mit Lust,Singet uss vollerer Brust!Wachset, ihr Blüemli, und blüejet,Wachset, ihr Kinder, und trüejet,Bhüet Gott eu vor Frost und vor Leid,Machet den Eitere Freud!"

Da brach seine Kraft beinahe plötzlich zusammen. Kaum hatte er den Unterricht imneuen Schuljahr wieder aufgenommen, als er Mitte Mai abbrechen musste. Seine Spracheverwirrte sich, seine rechte Hand versagte den Dienst, bald zeigten sich Lähmungserschei-nungen auf der ganzen rechten Seite des Körpers: eine Gehirnkrankheit war ausgebrochen,über deren schwere Folgen man sich nicht täuschen konnte. Wir wollen nicht bei demschmerzlichen Bilde verweilen, das der Kranke in den folgenden Wochen, bei stetig ab-