II. Studiengang. 5
Zügen erkennt man die Reinheit und Milde ihres "Wesens. Der Mann nannte sie seine „guteJeannette", „die Herzogin seiner Seele".
Diesem Ehepaar wurden sieben Kinder geschenkt, von denen indes nur drei, eineTochter und zwei Söhne, die Eltern überlebten. Der jüngere dieser Söhne, das sechsteKind, geboren am 23. September 1837 im Hause zur Hoffnungsburg am Herrenacker, warunser Ernst, mit dem Beinamen Wilhelm. Mancherlei Gaben sind diesem Sohne in dieWiege gelegt worden: vom Vater die Richtung auf die Wissenschaft und das feine sprach-liche Eormgcfühl, der klare Kopf und das lebhafte, leicht reizbare Temperament, von derMutter die heitere Grundstimmung des Gemütes und die Herzensgute. Vielleicht wirktenauch die Grosseltern von väterlicher Seite mit ihrem Segen nach. Der Pastor WilhelmLeberecht und seine erste Frau, Charlotte Bielitz, waren ein frohmütiges Paar gewesen,und wenn es bisweilen geschehen soll, dass physische oder geistige Eigentümlichkeiten erstin der zweiten Generation sich wieder zeigen, so mag dem Enkel in Schaffhausen das herr-liche Geschenk Humor aus dem sächsischen Pfarrhause überliefert worden sein 1 ).
D
ii.
STUDIEN GANG.
Schaffhausen.
er Knabe wuchs in bescheidener, bürgerlich geordneter Umgebung auf. Der Vatergab die geistige Anregung, soweit Beruf und literarische Arbeit Müsse Hessen; die Mutterleitete die Erziehung, die, wie uns versichert wird, bei ihm nicht sonderliche Mühe machte.Seine altern Geschwister wirkten jedes in seiner Weise auf ihn ein. Der ihm zunächststehende Bruder Max, der noch am Leben ist, hatte Kunstsinn und dramatisches Talent.Arnold, der früh verstorbene Liebling der Mutter, war eine fromme, zarte Seele von un-gewöhnlicher Tiefe der Emphndung, der ebenfalls vorzeitig dahingeraffte Karl eine ernste,gründliche Natur, und die Schwester Ottilie ein Mädchen von scharfem Verstände undkluger Überlegenheit. Junge Sprösslinge aus der weitläufigen, bis nach Stuttgart hinausverzweigten Kirchhof er'sehen Verwandtschaft schlössen sich dem Götzinger'schen Kreisean, und ein unverheiratet gebliebener Onkel Konrad, der das Amt des Stadtkassiers ver-waltete, erschien täglich im Hause, um mit rührender Treue sich nach dem Befinden seinerSchwester und ihrer Angehörigen zu erkundigen. Der sorgsam von der Mutter gepflegtekleinstädtisch herzliche, gesunde und ehrenfeste Familiensinn erfasste schon den Knaben undblieb auch im Manne lebendig bis an sein Ende. Sonst wissen wir wenig von seiner frühern
') Als eine l'rohuiütige, dichterisch angelegte Frau wird auch die G-rossmutter mütterlicherseits,Maria Ursula Kirchhof er. geb. Frey (f 1850), geschildert,