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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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45
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III. Lebensarbeit. 45

sich mit dem Schicksal auseinandersetzte und versöhnte. „Dass alles, was lebt", schrieb er,„dem Kreislaufe des Lebens unterworfen ist, wissen wir alle wohl, namentlich diejenigen,die sich rühmen, zu den ,Denkenden' zu gehören, und jeder Blick auf Feld und Flur indieser Frühlingszeit predigt die alte Predigt. Dass aber wir selber dem Kreislaufe unter-worfen seien, daran denken wir doch seltener, und wenn ein Beispiel nahe an uns heran-tritt, verwundern wir uns, dass das so habe sein können und müssen. Ein kleiner Bingbegrenzt unser Leben und viele Geschlechter reihen sich dauernd an ihres Daseins lebendigeKette, sagt der grosse Ketzer, dessen "Weisheit mich in den letzten Tagen viel getröstethat. . . Der Schmerz muss halt getragen werden; ich habe den meinigen auch angefangenzu ,verworgen'; er würgt im Hals und im Herzen. Aber zugleich denke ich wieder an dielebendige Kette, oder an das Pantheon der Menschheit, in dem jeder seine Stelle erhält,die er sich durch sein Dasein und sein Verdienst geschaffen. Meine Frida hat in kleinemZirkel, aber hier recht und gut gewirkt."

Mit dem Beginn des neuen Schuljahres hatte Götzinger seine alte Frische wieder-gefunden, und er nahm ohne Zögern neue Arbeiten an die Hand. Aber noch oft breitetesich die Wehmut auf seinen Zügen aus, wenn das Bild der in fremder Erde ruhenden Tochtervor seine Seele trat.

Das Ende.

Götzinger galt zeitlebens als ein gesunder Mann und wurde früher niemals von einerernsthaften Krankheit heimgesucht. In St. Gallen freilich hatte er bisweilen unter Rheu-matismen zu leiden, die er den Einwirkungen des scharfen Klimas zuschrieb; aber sie störtenihn doch nicht auf die Dauer und vermochten in keinem Fall seinen Humor zu trüben.Wenn es ihn am Leibe zwickte, dann war er, wie er wohl bemerkte, am meisten zu launigenKorrespondenzen aufgelegt. Einst, im Februar 1880, „sprangen die zuckenden Schmerzenwie ein Eaketenfeuer durch die Hüften", und er sah sich gezwungen, den Unterricht füreinige Tage zu sistieren. „Jetzt", erzählt er, „ist noch eine Steifheit und ein fataler Punktim Kreuz zurückgeblieben, der sehr sorgsam behandelt werden muss. Doch krieche ichwieder in die Schule. Die Stadtbibliothek hat mir einen grossen, alten, kalbsledernen, be-quemen Lehnstuhl gepumpt, von dem aus ich meine Armee beherrsche. Ich komme mirdabei vor wie Rudolf von Habsburg, als er im altertümlichen Saale in seiner Kaiserprachtbeim festlichen Krönungsmahle sass. Wer weiss, ob er nicht auch Rheumatismus hatte?Nach der Meinung der Welt muss ich warten, bis der Frühling mich wieder ganz gesundmacht; leider pflegt er hier zu Lande erst im Mai zu kommen." Ein paar Jahre später,im Juli 1888, am Tage des Jugendfestes, glitt er bei eintretendem Regen aus und brachden Fuss, so dass er sich mehrere Wochen im Bette halten musste. Da schrieb er nachZürich: „So spiele ich denn den Sokrates und übe mich in der schönsten Tugend, der be-scheidenen Ruhe des Gemütes." Nach fünf Wochen „humpelte" er wieder auf dem Brühlherum, aber sehr langsam, sodass ihm „das Lied vom österreichischen Landsturm" zu Sinnekam, und im September konnte er „ohne grosse Mühe in die Schule stolpern". Bald warer völlig hergestellt, und man sah ihn nach alter Weise in raschem Gange durch die Strassenschreiten.