44 III. Lebensarbeit.
Hinter den Kindern kam auch die Mutter und deutete an, wie ihre häuslichenPflichten sich mehrten:
„"Wie die Weihnacht sich jährt, sind auch die Kinder gewachsen,Arbeit und sorgende Müh' wachsen mit ihnen zugleich."
Der Vater selbst schloss mit den Strophen:
„Des Menschen Leben ist ein Gewoge nurVon auf und ab, von Hochsein und Niedrigsein,
Und jede höchste, stärkste Welle
Bricht sich und senkt sich zur Tiefe nieder.
Ob auch der Menschen Sinnen sich ausgedacht,Dass jetzt ein Zeitraum löse den andern ab,
Und gar der Glocken hell Geläute
Endet den einen und bringt den andern:
Ein stiller Sinn, der lautem Getöse fern,
Was ungeschieden, auch sich nicht scheiden lässt,
Dem geht das Alte in das Neue
Ruhig hinüber wie Morgendämmerung.
So wünsch' ich Euch denn, wünschet Ihr mir es auch,Dass in des Lebens fernerm Gewoge Euch
Die Wellen, wenn sie hoch sich bäumten,
Stetig und ruhig zur Tiefe wallen."
Die familiären Beziehungen hatten sich inzwischen durch die Verheiratung einesBruders seiner Frau, des Kaufmanns Adolf Bürke, erweitert. Da zeigte sich in allenLagen sein aus dem Elternhause herübergenommener zarter Sinn für treues Zusammenhalteninnerhalb der verwandtschaftlichen Kreise. Er bildete auch hier einen geistigen Mittelpunktund gab jedem Familienfeste eine höhere Weihe durch seine persönliche Fröhlichkeit, welchedie Jungen und Alten belebte. Kam ein Geburtstag, so fehlte selten sein guter Wunschin Vers und Reim. Bescheidenen Geschenken legte er ein sinniges Sprüchlein bei undmehrte dadurch die Freude des Empfängers. Und wenn er auf eine Hochzeit geladenwurde, so brachte er den Neuvermählten den poetischen Ertrag einer stillen Stunde als feineGabe mit, oder er dichtete ein Lied, das die am Feste teilnehmenden Kinder dem jungenPaare singen konnten, singen — „nicht mit Kunstverstand, nur wie der Schnabel mag, dieKnaben und die Mägdelein, wie Vöglein in dem Hag".
So erfreute sich Götzinger eines schönen und im ganzen ungetrübten Familienlebensbis in die achtziger Jahre hinein, als ihm der Tod seiner altern Tochter Frida einenschweren Schlag versetzte. Sie hatte eine Stelle als Erzieherin bei der Familie Beltraniin Palermo übernommen und sich rasch in die fremden Verhältnisse eingelebt; da wurdesie von einem Typhus ergriffen und nach wenigen Tagen, am 4. April 1886, dahingerafft.Das waren traurige Momente, als der Bericht von ihrer gefahrlichen Erkrankung und un-mittelbar darauf die Anzeige von dem „unersetzlichen Verluste" eintraf. Der starke Mannwar eine Zeitlang wie betäubt vor Schmerz. Dann aber raffte er sich auf und suchte mitaller Kraft seine herbe Stimmung zu bemeistern. Ein Brief aus jenen Tagen zeigt, wie er