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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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38 III. Lebensarbeit.

einer seiner verständnisvollsten Schüler gesagt hat, nicht nur durch das, was er wusste,sondern durch das, was er war, durch seine zwingende Persönlichkeit. Indem er mit grossemSinn und weitem Blick die Muttersprache, ihre Geschichte und Literatur lehrte, war er „derVerwalter und Übermittler des zentralen Gutes der allgemeinen Bildung" an der st. gallischenKantonsschule. Wie hat er Jahr um Jahr, selbst im Innersten ergriffen und mit zunehmenderSicherheit in der Materie, den heranreifenden Jünglingen die Schönheit und Gedankenweltder deutschen Dichtung von ihren Anfängen durch alle Stadien ihrer lebendigen Äusserungenbis zur neuern Zeit erschlossen! Wie hat er immer wieder die Nibelungen oder die LiederWalthers von der Vogelweide behandelt, um sie in die Sprache, die Anschauungsweise, dieKulturformen des Mittelalters einzuweihen und ihnen zugleich das historische Verständnisder neuhochdeutschen Sprache zu eröffnen! Und wie hat er jeweilen den reifsten Schülernmit leuchtender Freude den hohen und freien Tempel der Dichtung Göthe's aufgetan!„Diese wundervollen Göthe - Stunden bei Götzinger! Alles, was er uns gelehrt — in ein-dringlicher, systematischer Entwicklung und in beiläufig hingeworfenem, geistvollem, humor-gesättigtem Wort, in der Pause noch unter der Tür über die Achsel zugerufen — mündetedoch schliesslich in diesen grossen Appell an die Eeife, in diese Erschliessung einer gewal-tigen Persönlichkeit, deren Zauber auch der Kühlste sich mit wogendem Gemüte hingab.Alle legitime Sehnsucht des jugendlichen Geistes, alle Begeisterungsfähigkeit, die noch un-gestutzt geblieben, alle Ahnungen einer höheren Existenz der Genialität drängten auf dieseStunden hin, in denen Meister Götzinger den grossen Dichter und universalen Menschenvor uns wachsen und ins Grandiose sich ausweiten Hess, seinen Schülern freie Bahn desEmpfindens eröffnend und doch sie weise, schier unmerklich lenkend. Denn die grosse Gabegehört wohl voran zur Einführung in die Dichtung: nicht zutäppisch zu überkommentieren,diskret sich im Hintergrunde zu halten, den Dichter nicht zu übertönen, den Gemütern dasNach- und Ausklingen selbst zu überlassen. Solch feine Kunst war des Verstorbenen Art,der daher anderseits für umständliches methodisches Gebäu und verzwickte pädagogischeGerüstkonstruktionen keinen besonders ausgebildeten Respekt aussprach. Die geistige Frischeund Kraft, ein elementares Sichausgeben und das Vertrauen auf die Eigenmacht des Schönenund Grossen waren auf Götzingers Lehrstuhl heimisch, und seine Rechnung, dass, was alsein Lebendiges gegeben werde, auch als ein Lebendiges empfangen würde, hat nicht ge-trogen — der Wucht seines Wesens hat sich wohl keiner entzogen. Auch die Köpfe vonandersartiger Anlage gerieten in seinen Bann, der so viel mehr war, als ein Bann desFaches, ein Wissen nicht bloss, sondern ein ganzes Sein." *) „In den Göthe-Stunden", schriebihm ein Abiturient der technischen Abteilung, „hat mir nur Ein Wort nicht gefallen: Esbildet nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte; denn ich kann Ihnen ver-sichern, dass auf mich die Göthe-Stunden einen tiefern Eindruck gemacht haben als allesandre." Sein Lehrzimmer nahm sich aus wie eine Gallerie der grossen Geister; von dennach seiner Anordnung dekorierten Wänden schauten die Bildnisse von Hans Sachs, Haller,Klopstock, Lessing, Herder, Schiller und Göthe, je von einem Kernspruch begleitet, auf dieJugend herab. Durch das Ganze schwebte Schillers mahnendes Wort: „Der MenschheitWürde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!" Wer das Glück gehabt, bis in die oberstenKlassen des Gymnasiums — oder auch der Industrieschule — sein Schüler zu sein, der wird

„Professor Götzinger." Nachruf im Tagblatt der Stadt St. Gallen, 1896, Nr. 192. (Von 0. Fässler.)