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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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III. Lebensarbeit. 37

ich nichts. . . . Ubi bene, ibi patria ist zwar, sagt man, ein schlechter Grundsatz, für unserWirken aber gewiss wahr. Ich könnte höchstens bedauern, dass ich mir die Geschichte nichtzu nutze machen kann; aber geschachert habe ich nie. Ich lasse alle Landsleute grüssen,sage aber mit den Appenzellem: Ich mag nicht in dem Ding sein." Etwas ernster be-schäftigte ihn doch einige Monate später die Aussicht einer Berufung nach Arau, da dieVerhältnisse an der dortigen Schule ihm in mehr als einer Eichtung höchst angenehm er-schienen. Die schon ziemlich weit gediehenen Unterhandlungen zerschlugen sich indessenaus Gründen, die wir nicht näher kennen, noch im letzten Augenblicke — zu grossem Be-dauern der Argauer, die ihrer Jugend seine frischen Impulse („seine lautern Goldworte' 1 )hätten gönnen mögen, zu aufrichtiger Freude derjenigen St. Galler, die ihm näher getretenwaren und den Wert seiner Persönlichkeit zu schätzen wussten. Er konnte bei dieser Ge-legenheit zu seiner Genugtuung erfahren, wie tiefe Wurzeln seine Wirksamkeit in St. Gallenbereits geschlagen hatte. Der ganze Lehrerkonvent ersuchte ihn zu bleiben und leitete dieAno-eleo-enheit zuo-leich an den Erziehungsrat. Die Behörde war allerdings schliesslich nichtgezwungen, einen bestimmten Entscheid zu treffen; aber Friedrich Tschudi, der ihrauch damals angehörte, erklärte ihm in einer Zuschrift, dass er seinen Wegzug von St. Gallenals eine grosse Kalamität" für die Kantonsschule betrachten würde, dass die Behörde seinenLeistungen ungeteilte Anerkennung" schenke und dass jedes ihrer Mitglieder den lebhaftestenWunsch geäussert habe, ihn der Anstalt in irgend einer Weise zu erhalten.

Solche Beweise der Achtung durften ihn wohl ermuntern, auf den betretenen Pfadenweiter zu schreiten. Das Vertrauen der Behörde zeigte sich auch in der Folge, indem sieihn 1871 zum Mitglied der Bektoratskommission ernannte, der die unmittelbare Leitung derAnstalt überbunden war. Er führte als Aktuar in möglichst knappen Formen bis 1884 ihreProtokolle. Für rein geschäftliche Angelegenheiten, die bei ängstlicher Behandlung oft eineungebührliche Zeit in Anspruch nahmen, hatte er freilich wenig Sinn; aber es steht ausserZweifel dass er in verwickelten Fragen der Organisation und Disziplin oft eine glücklicheHand bewies, indem er auf eine praktisch durchgreifende und, wo es angieng, humaneLösung drano-. Mit der Stelle aus Freidanks Bescheidenheit: „Wir gevallen alle uns selbenwol des ist das lant der toren vol" schloss er sein Aktuariat, und er freute sich, dass esihm vergönnt war, von nun an ohne Beschwerung durch administratives Beiwerk wiederals einfacher Lehrer innerhalb der vier Wände des Schulzimmers seiner Pflicht zu leben.

Überschaut man nun seine Lehrtätigkeit, so hält es nicht ganz leicht, sie völlig zu-treffend zu charakterisieren. Es gab Schüler, die ihn nicht verstanden und sich in seineArt nicht linden konnten, und umgekehrt empfand er etwa einzelnen Zöglingen gegenübereine starke Abneigung, die er bisweilen ohne Bücksicht zu erkennen gab. So mag das An-denken an ihn beim einen oder andern ein nicht ganz ungetrübtes sein, und wir wollendiesen Schattens tri ch in seinem Bilde nicht verwischen. Aber anderseits darf gesagt werden,dass die weitaus grösste Zahl derjenigen, die seinen Unterricht zumal im obern Gymnasiumund im Lehramtskandidatenkurs genossen haben, — denn dort lag der Schwerpunkt seiner

Wirksamkeit __ ihm die treueste Erinnerung bewahrt. Auf Generationen von Schülern übte

er den nachhaltigsten Einfluss aus; er erlebte, dass Abiturienten die Maturitätsprüfung imGymnasium bestanden, deren Väter er schon bis zur Universität geleitet hatte. Sein Unter-richt regte die Strebenden unter den jugendlichen Geistern mächtig an und förderte inWort und Beispiel mit ihrer intellektuellen auch ihre ethische Entwicklung. Er wirkte, wie