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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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39
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IIL Lebensarbeit. 39

sich zeitlebens in dankbarer Verehrung der. geistigen Impulse erinnern, die er in diesemRaum empfangen hat. Mochte dann in den Aufsatzheften lue und da ein orthographischesVergehen oder gar ein Konstruktionsfehler dem Auge des Lehrers entgangen sein: washatte dies zu bedeuten gegenüber der Fülle von frischen Trieben, die er in die jugendlichenGemüter senkte! Erquickend und neues Leben schaffend arbeitete sein Wesen in den Schülernfort. — Nicht minder sahen sich die Lehramtskandidaten durch seinen Unterricht ge-fördert. Mit theoretischer Pädagogik befasste er sich niemals; aber unaufhörlich und weitintensiver als ferner Stehende glauben mochten, beschäftigten ihn methodische Fragen desdeutschen und des geographischen Unterrichtes oder Postulate der praktischen Schulführung.Er suchte seine Lehrweise den verschiedenen Altersstufen anzupassen und berichtete einst,im Sommer 1872, wie viel Spass es ihm mache, mit den Leutchen der ersten Gymnasial-klasse zu verkehren, die so klein seien, dass sie ihm unter den Beinen durchkommen. „Damuss man seine Schulmeisterkünste zusammennehmen und hat das dankbarste Feld. Manrepetiert alles 7 mal 70 mal, wie die Juden, und geht wie ein Schneck vorwärts; aber vor-wärts kommt man schliesslich doch und sieht das Zeug langsam aber sicher wachsen. Ichhätte einen ganz ordentlichen Primarschulmeister abgegeben. Doch pariere ich auch diegrossen Kerls und lese mit ihnen Walther von der Vogelweide; so ein Walther mit aufden Lebensweg tut gut, ist besser als mancher vielgelesene neue und alte Geselle." ImNovember 1880, als er seine genetische Grammatik aufs eifrigste verwertete, meinte er,nun möchte er wohl die oberste Stufe seines schulmeisterlichen Könnens erreicht haben.So trat er den künftigen Lehrern als ein Mann von vielfacher pädagogischer Erfahrunggegenüber; aber auch in dem für sie bestimmten besondern Kurse legte er weniger Gewichtauf die Ausdehnung ihres positiven Wissens, als auf die Vertiefung ihrer allgemeinen Bildungund die freudige Aneignung der herrlichen Güter deutscher Sprache. Im gleichen Sinnehatte er seine Aufgabe erfasst und mit glücklichstem Erfolge durchgeführt, als er im August1875 berufen worden war, bei einem für st. gallische Primarlehrer veranstalteten Fortbildungs-kurs auf Mariaberg Vorträge über deutsche Sprache und Literatur zu halten. Es erregtedaher in weiten Kreisen eine peinliche Überraschung, als ihm die Erziehungsbehörde imFrühjahr 1889 ohne zwingende Gründe, nur „um dem neugewählten Philosophieprofessoreinen angemessenen Wirkungskreis zu sichern", den Reallehramtskandidaten-Kurs und damitein Arbeitsgebiet entzog, das er beinahe ein Vierteljahrhundert hindurch mit so warmerHingabe gepflegt hatte. Die Behörde beeilte sich zwar, ihm ihre „volle Anerkennung fürseinen vortrefflichen, anregenden und gehaltvollen Unterricht" auszusprechen; aber in demberechtigten Gefühl, dass seine Jahre und seine Verdienste unter allen Umständen einefreundlichere Berücksichtigung hätten finden dürfen, empfand er ihre Massnahme als eine tiefeKränkung, und er konnte sie, so lange er lebte, nicht verwinden. Das freute ihn immerhin,dass gegen fünfzig seiner ehemaligen Schüler, die beinahe alle im Lehrberufe standen, eineAdresse an ihn richteten, in der sie in schönen Worten Zeugnis für ihn ablegten und ihnihrer unvergängbchen Dankbarkeit versicherten. Sie verehrten in ihm, erklärten sie, denLehrer von bewährter Einsicht, „der mit grosser Sach- und Fachkenntnis mit seinen Schülernund für sie arbeitete, der gewissenhaft in der Schule wirkte und der es verstanden, zwarnicht für ein schablonenmässiges Wissen zu sorgen, wohl aber stets geistig anzuregen unddadurch die wesentlichste Grundlage für die Berufstüchtigkeit zu schaffen: einen regenFortbildungstrieb."