36 III. Lebensarbeit.
Historischen Vereins wird man seine Persönlichkeit noch lange genug vermissen. Mit seinerFülle der geistigen Kraft und des positiven Wissens, seiner feinen Gestaltungsgabe undsonnigen Heiterkeit des ganzen Wesens bereitete er der Gesellschaft durch ein ganzesMenschenalter hindurch Anregung und Belehrung, Erhebung und freudigen Genuss. Nunist ja niemand auf Erden unersetzlich. Aber ein Mann von originaler Art hinterlässt inseinen Kreisen eine Lücke, die die Überlebenden stets empfinden, auch wenn sie ihre Reihenenger schliessen!
Lehrtätigkeit.
Ein guter Teil der literarischen Arbeit Götzingers hatte, wie schon unserer Übersichtentnommen werden kann, nicht ausschliesslich wissenschaftlichen Charakter, sondern dientepädagogischen Zwecken und hieng mit seiner beruflichen Tätigkeit zusammen. Dem er-wählten Berufe widmete er, wie es dem Manne geziemt, die beste Kraft.
Dass der ohne praktische Vorübung unmittelbar aus dem akademischen Hörsaal in dasKlassenzimmer versetzte junge Lehrer anfangs mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfenhatte, ist bereits angedeutet worden, aber auch, dass er sie bald überwand. Als ProfessorGustav Scherrer im Frühjahr 1864 zurücktrat, kam die Behörde seinen Wünschen entgegenund übertrug ihm für den deutschen Unterricht statt der untern die obern Klassen desGymnasiums. Dabei waren ihm nach wie vor die Geographie in den untern Klassen unddie deutsche Sprache in der technischen Abteilung zugewiesen; seit 1867 kam noch eindeutscher Kurs für Reallehramts-Kandidaten hinzu, den er stets mit besonderer Liebe leitete, —und in diesem äussern Rahmen, bei wöchentlich 25 bis 30 oder noch mehr Stunden, be-wegte sich seine Lehrtätigkeit mit geringen Änderungen fast bis ans Ende seines Lebens.Die förmliche Übernahme der Kautonsschule durch den Staat im Jahre 1865 gab seinerpersönlichen Stellung eine dauernde Sicherheit.
An Versuchungen zum Wegzug von St. Gallen fehlte es freilich gerade in jenen Jahrennicht. Im Januar 1866 dachte man daran, ihn als Nachfolger Ludwig Frauers für dasGymnasium seiner Vaterstadt zu gewinnen. Aber er gab auf vertrauliche Anfragen einenbündig ablehnenden Bescheid. „Wer ein Geschäft hat", schrieb er seinem Schwager, „dergiebt es doch nur dann auf, wenn er entweder mit dem seinigen Grund hat unzufriedenzu sein, oder wenn ihm ein anderes Geschäft winkt, das ungleich mehr Vorteile bietet. Inunserm Geschäft sind ökonomische und moralische Vorteile, die sich vielleicht widersprechenkönnen; wir halten uns lieber an die letztern, wenn es sich um den Ausschlag handelt.Da bin ich nun offenbar gern in St. Gallen; das Wesen der Bevölkerung behagt mir; dieSchule ist jung und strebsam, und die meisten Kollegen haben mich gern; andere achtenmich und sind höflich; widrige Feindschaften sind gar keine da. Meine Schüler habenmich, wie ich glaube, auch gern und ich wiederum sie; der Erziehungsrat ist mit mir kaumunzufrieden. Mein Freund Wartmann kultiviert mit mir den Sinn für historisches Inter-esse in der Stadt. Meine Stelle, die fast jährlich geändert worden ist, ist jetzt so angenehm,dass ich vorerst keine angenehmere wüsste: nicht mehr als 90 Schüler, und zur ErholungGeographie, ein kleiner Liebling von mir; keine Klasse grösser als 24 Schüler, die meistenunter 12 Schülern, für den deutschen Unterricht ein wichtiges Moment. Was mich vonhier weg zöge, könnte bessere Besoldung sein und meine kurze Anstellung, weiter wüsste