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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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III. Lebensarbeit. 35

freie und edle Bildung ausgezeichneten Statthalters Franz Josef Benedikt Bernoldvon Walenstadt, des „Barden von Eiva". — Aber neben den grössern wissenschaftlichenMitteilungen schenkte er dem Verein auch eine Reihe von Neujahrsblättern, die sich,entsprechend dem in der Schweiz überlieferten Charakter solcher Publikationen, in allgemeinverständlicher Form an einen weitern Kreis von Lesern, vor allem an die Jugend richteten.Er begann für das Jahr 1866 mit den st. gallischen Minnesängern Ulrich von Singenbergund Konrad von Landegg, deren Dichtungen er aus dem literarischen Hintergrunde desdreizehnten Jahrhunderts erklärte und in modernem Gi-ewande wiedergab. Dann stellte erdas Schicksal der Feldnonnen bei St. Leonhard zur Zeit der kirchlichen Umgestaltung inSt. Gallen nach den beweglichen Schilderungen der letzten Mutter, Wiborada Mörlin, dar.Oder er griff auf Joachim von Watt, um das Bild des gelehrten Geschichtschreibers, demkeiner seiner Mitbürger „an Universalität der Bildung und der Arbeit" gleichstand, vorzu-führen und durch die Mitteilung seiner Beschreibung der Stadt St. Gallen allgemeineresInteresse für seine deutschen historischen Schriften zu erregen. Weitere Stücke widmete erder st. gallischen Herrschaft Bürglen im Turgau, der Familie Zollikofer im Anschluss anihre 1886 auf Altenklingen veranstaltete Jubiläumsfeier, dem Armen Mann im Toggenburgund dem Barden von Riva. Sie beruhten alle auf eingehenden Forschungen und trafen denim besten Sinne populären Ton, dem man in den Neujahrsblättern zu begegnen wünscht.Mit besonders warmer Teilnahme schrieb er für die Jahre 1889 und 1890 die beiden letztenStücke: die Lebensbilder des armen, von der schwärmerischen Gefühlsrichtung der Sturm-und Drangperiode erfassten Ulrich Bräker, und des originellen, seiner Zeit im St. GallerOberland wie im ganzen Kanton hochangesehenen Bernold nieder.

Wohl wäre noch einer Reihe anderer Arbeiten Götzingers zu gedenken, von den Erst-lingsfrüchten seiner Studien bis herab zu dem nach der Reimart des Originals übertragenenLeben des heiligen Gallus", das die Mitglieder des Historischen Vereins am 16. Oktober1896 als eine Erinnerung an den Verstorbenen entgegennehmen durften. Wo immer sichein Anlass bot war er bereit, mit einer literarischen Spende einzutreten, so wenn der Boden-seeverein auf turgauischem oder st. gallischem Gebiete tagte, oder wenn die St. Galler undZürcher Geschichtsfreunde gemeinsame historische Fahrten auf Schlösser und Ruinen unter-nahmen, oder wenn ein guter Spruch in alter Form die Würze eines Festes bilden sollte.Sehr häufig griff er auch als Mitglied des schweizerischen Lehrervereins zur Feder, und zuAnfang der siebenziger Jahre beschäftigte ihn aufs lebhafteste die von Prof. Buch er inLuzern angeregte Frage einer Vereinfachung der deutschen Orthographie. Er nahm sichder Sache eifrig an und schrieb im Auftrage der darüber niedergesetzten Kommission eineBroschüre „Zur Durchführung der Orthographiereform", die freilich angesichtsder auf dem ganzen deutschen Sprachgebiete herrschenden konservativen Gegenströmungnicht die erhoffte eingreifende und dauernde Wirkung im Sinne einer folgerichtigen Um-wandlung der deutschen Schreibweise üben konnte.

Unsere Andeutungen dürften indes genügen, um einen Begriff von der seltenen Kraftund von der selbstlosen Treue zu gewähren, mit der er an seiner Stelle die wissenschaftlicheBewegung förderte und für die Verbreitung ihrer Ergebnisse Sorge trug 1 ). Im Schosse des

») Ein chronologisches Verzeichnis der literarischen Arbeiten Götzingers ist diesem Lebensbildebeigegeben.