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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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IL Studiengang. 21

Er war literarisch stark beschäftigt, arbeitete angestrengt an der Fortsetzung seines mittel-hochdeutschen Wörterbuches, wirkte aber zugleich gewissenhaft als akademischer Lehrer undnahm sich aufs liebenswürdigste seiner Schüler an. Bei ihm hörte Götzinger im Winter1858/59 Handschriftenkunde und Diplomatik, im Sommer 1859 historische Grammatik derdeutschen Sprache. Das Wichtigste aber war für ihn. dass er in die von Müller geleitetedeutsche Gesellschaft" aufgenommen wurde und dass er in diesem „Seminar" selbsttätigund intensiver als je zuvor in die wissenschaftliche Behandlung der sprachlichen und lite-raturo-eschichtlichen Erscheinungen einzutreten hatte. Bei dem jungen Privatdozenten LeoMeyer nahm er auch das Gotische. Altnordische und Angelsächsische auf. Für griechischeund römische Altertumskunde belegte er Vorlesungen von Wieseler und Ernst Curtius,und auf den Eat seines Basler Freundes, der ihn drängte, die sprachliche Bildung nachallen Bichtungen in solidester Weise zu begründen, nahm er bei dem berühmten Benfeydurch zwei Semester hindurch auch einen Sanskritkurs.

Über diesen Studien vergieng die Zeit in Göttingen nur allzu schnell. Die Ferien wurdendurch o-emeinsame Wanderungen erquicklich ausgefüllt, denn, meinte er einmal mit nichtallzu grossem Respekt vor den Annehmlichkeiten der norddeutschen Musenstadt, ein ununter-brochener Ferienaufenthalt in Göttingen wäre „gleichzustellen einer Kettenhaft". Im Früh-jahr kam er mit Wartmann über Münden nach Kassel und wunderte sich, „wie wohlfeilund nobel zugleich" sie reisen konnten. Die Pfmgstwoche lockte die fröhliche Gesellschaftin das Harzo-ebirge, auf den Brocken, und von dort aus nach Braunschweig, Hannover („demIdeal aller langweiligen Residenzen") und dem alten Hildesheim. Wie gern hat er auf solchenReisen das Geibel'sche Lied angestimmt: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,da bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus" — und dann mit seiner starken Stimme dieSchlussstrophe gesungen: „0 Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust! da wehet GottesOdem so frisch in die Brust, da singet und jauchzet das Herz im Himmelszelt: wie bist dudoch so schön o du weite, weite Welt!" Die an das Sommersemester sich anschliessendenlangen Ferien benutzte er zunächst für eine Fahrt nach Norden hin. Von Schumann undLiechtenhan begleitet, reiste er der Weser entlang, suchte in Öynhausen — zum letztenMal — die Ruhestätte seines Vaters auf und begab sich dann auf „genialen Leiterwagenund alten Postkarren" nach Bremen, um für Wart mann die in der Stadtbibliothek liegendenSt. Galler Urkunden zu kopieren. Da bog er sich in fünftägiger Arbeit, wie er seinem in-zwischen zum Doktor avancierten Freunde scherzend schrieb, fast den Rücken krumm, under entzifferte beinahe alle Dokumente. Nur eines konnte er nicht lesen; das sei, bemerkteer eine Aufgabe für einen abgefeimten Spitzbuben von Paläographen und nicht für einenPfuscher. Kaum war er wieder nach Göttingen, dem „alten Nest", zurückgekehrt, so trafeine Einladung zur Hochzeit seiner Schwester ein. deren Verlobung mit Dr. Theodor Huger schon anfangs Juli im Freundeskreise durch Spendung einiger Flaschen Wein - „inGöttingen eine unerhörte Tat" — gefeiert hatte. Er setzte sich über die Bedenken wegender grossen Reisekosten hinweg, eilte auf den 26. September nach Schaffhausen und erhöhtein jenen Tagen die Freude der ganzen Familie durch seinen herrlichen Humor. Es wurdeihm ganz „wunderlich" bei seiner Mutter: denn „man fühlt doppelt, was einem die Heimatist, wenn "man längere Zeit draussen war." Auf dem Rückwege überraschte er Babler,der nach seinem Abgang von Bonn in Basel promoviert und soeben die Stelle eines Bezirks-lehrers in Brugg übernommen hatte. Dort und auf der Habsburg tauschten sie die Erin-