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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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20 U- Studipngang.

Göttingen.

In seinem Handkalender für das Jahr 1858 bezeichnete Götzinger den (>. Oktober alsden Tag seiner Ankunft in der Hannoveranischen Landesuniversität. Göttingen hatte einenguten Klang für Philologen und Historiker. Juristen und Theologen; es lockte die wiss-begierige Jugend aus aller Herren Ländern an, und wenn der neue Ankömmling, nun schonein bemoostes Haupt, der besten Zuversicht gewesen war, er werde dort auch wieder Schweizertreffen, so hatte er sich zu seiner wahren Freude nicht getäuscht. Der Umgang mit Freunden,die frisch und rein das akademische Leben zu geniessen wussten und zugleich mit ernstemEinsatz ihrer Kräfte den festen Grund zu einer wissenschaftlichen Laufbahn legten, warihm mehr und mehr Bedürfnis geworden und trug ganz wesentlich zum erfreulichen Erfolgeseiner weitern Studien bei. Nun fand er eine ganze Eeihe seiner Landsleute, voran wiederWilhelm Roth und Hermann Wartmann, mit denen er im vertrautesten Verkehr zu-sammenwuchs. Gemeinsam verbrachten sie die Sonntage; mit gemeinsamer Selbstüber-windung schlürften sie nach ihren Ausflügen den in Göttingen unvermeidlichen Thee; mit-einander lasen sie griechische Klassiker, oder italienische und spanische Autoren: Ariost undCalderon; miteinander feierten sie die Weihnacht im Göttinger Universitäts-Waisenhaus undim Gedanken an die fernen Lieben den Übergang ins neue Jahr. Was solche Gesellschaftfür ihn zu bedeuten hatte, das empfand auch seine Mutter, die jeden Schritt des Sohneszugleich mit Vertrauen und mit sorglich feinen Mahnungen begleitete. Als er in einemBriefe Wilhelm Roth und seine ungewöhnlichen Kenntnisse rühmte, antwortete sie ihm:„Es freut mich für Dich, dass Du dieses gelehrte Haus zu Deinen nächsten Freunden zählendarfst, und wenn Du auch nicht gleichen Schritt halten kannst, so ist doch ein emsigesRingen eine Verwahrung vor unnützem Zeitvertreib, und ich denke, es wird in dem gelehrtenHerrn auch ein Herz sitzen, welches hinter jenen vorzüglichen Leistungen nicht zurückbleibt.. . .Gott zum Gruss, mein herzlich lieber Ernst und altes Haus!" Teils im Wintersemester,teils im folgenden Sommer erschienen ausserdem als gute Kameraden die Basler GottliebBurckhardt, ein Mediziner, Rudolf Liechtenhan, aus dessen Munde „trockene Witzeflössen", und Wilhelm Vischer, der Jüngere, der „herzlich froh war, Leute zu finden,mit denen er umgehen konnte", der St. Galler Theologe Johannes Glinz, „ein junges,nettes Bürschchen", der Bündner Jurist und spätere Regierungsrat Nett, dann wieder deralte Freund aus Gotha, Albert Schumann-, und ihnen allen schloss sich gern der Orien-talist Eberhard Schrader aus Braunschweig an 1 ). Diese jungen Männer standen ohneAusnahme in höheren Semestern oder hatten sogar, wie Wilhelm Vischer, bereits den Doktor-grad errungen; mit Glücksgütern waren nur wenige gesegnet; sie beschränkten sich auf dasbescheidenste Niveau des Lebensunterhaltes und studierten, oft bis in die tiefe Nacht hin-ein, mit wahrer Leidenschaft.

Während Wartmann und Vischer sich an Georg Waitz, als ihren Meister, hielten,und Roth sich dem berühmten Orientalisten Heinrich Ewald anvertraute, fand Götzingerin Wilhelm Müller den Germanisten, der ihn auf seinem Spezialgebiete weiter führte.Müller, der hochbetagt im Jahre 1890 gestorben ist. stand damals in seiner besten Kraft.

') Jetzt Professor in Berlin.