22 H. Studiengang.
nerungen an gemeinsam genossene glückliche Tage aus. In Basel verkehrte er mit demFreunde Roth, der sich anschickte, in die akademische Laufbahn einzutreten. Dann musstedie ernste Arbeit in Göttingen wieder aufgenommen werden.
Im Wintersemester von 1859/60 liess sich Götzinger, abgesehen von der deutschenGesellschaft, nur noch für wenige Kollegien einschreiben. Es schien ihm wegen des Examenszweckmässig, bei Professor Leutsch wohl oder übel eine Vorlesung über Aristophanes zuhören und das Hebräische bei Ewald aufzufrischen, der den Pentateuch mit souveräner,die orthodoxen Geister erschreckender Kritik behandelte. Er bereitete sich nun nach demVorgang seiner „gelehrtesten und aufgewecktesten" Freunde mit aller Kraft auf einen ehren-haften Abschluss seiner Studien vor. Rite, d. h. in aller Form, nach schriftlicher und münd-licher Prüfung, wollte er den Doktorhut erwerben. Wohl berührte es ihn im Anfang peinlich,dass er nur wenige von den schweizerischen Genossen der beiden frühern Semester wiederfand, l ) und dass niemand vorhanden war, der aufrichtiges Interesse an seinem Fach be-kundet hätte. „Ich muss der älteste sein", klagte er, „und keiner kümmert sich um meinePhilologie, obgleich ich doch jetzt vor dem Examen am ehesten einen Freund nötig hätte,der mich zum Schanzen anspornte, denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Manchmalkommt auch ein kalter Schauer auf mich herab und ich sehe, wie ich blamiert dastehe —und ich schamrot mich verkrieche in den tiefsten "Winkel Europas. Glücklicherweise istaber mein vielbewunderter und vielgetadelter Leichtsinn das beste Mittel gegen solchenKatzenjammer, und die Zeit rollt auch schnell, dass ich hoffen darf, das Resultat dürfedoch bald fertig stehn, ob ja oder nein." Er überwand den „Examendatterich" und arbeitete!getrost an einer Dissertation über die dem Mönche Caedmon zugeschriebenen angelsächsischenDichtungen, einem Thema, von dem er spottend bemerkte, es dürfte wohl ein glücklichgewähltes sein, da kein einziger der Professoren sich je damit beschäftigt habe. „Gottsegne ferners Deine Studien und lasse es Dir in allem wohl gelingen", schrieb die treueMutter. Um die Neujahrszeit konnte er melden, die Arbeit sei so gut wie abgeschlossen,und anfangs Februar 1860 übersandte er seinem zum Ratschreiber in St. Gallen ernanntenFreunde Wartmann die Nachricht: „Die Dissertatz liegt fertig und blank gescheuert im Pulte."Die Fakultät nahm sie ohne weiteres an und setzte seine mündliche Prüfung auf Sonnabendden 25. Februar. Im benachbarten Weende unterhielt er sich an diesem Tage mit einigenFreunden beim Kegelspiel, als er ihnen plötzlich mitteilte, nun müsse er ins Examen gehen.Er bestand hierauf mit unbefangener Tapferkeit das Kreuzfeuer der gestrengen Philologenund wurde „propter egregiam philologiae antiquse et literarum germanicarum scientiam"- auf Grund ausgezeichneter Kenntnis in alten Sprachen und germanischer Literatur —zum Doctor philosophiaj erklärt. Daran schloss sich 14 Tage später, am 10. März, nocheine förmliche lateinische Disputation, die man ihm trotz seiner dringenden Vorstellungennicht erlassen wollte und der er sich nach überlieferter Etiquette in Frack und Zylinder
M „Seht, er wiegt den Kopf bedächtig,Und die Pfeife qualmet mächtig.Mächtiger als vorher je.Er gedenkt vorgang'ner Stunden,Wie man treue Freund' gefunden.Und ob man sie wiederseh'."
(Wartmann. Göttingen, im August 1859.)