10 IT. Studibngang.
Lebendigkeit des Vortrags, verbunden mit der grössten Verständlichkeit, ist mir noch nievorgekommen. —Von Professor Wacker nagel. bei dem ich in sieben Stunden Literatur-geschichte, Stilistik und "Walther von der Vogelweide bore, kann ich nur wiederholen, dass,was er spricht, ausserordentlich inhaltsreich und anziehend ist, dagegen sein Vortrag schlep-pend und tönend. Er liest alles aus seinem Kollegienheft heraus. — Bei Professor Flotohöre ich neuere Geschichte. Die Axt, wie er sie vorträgt, ist gut, sowie seine Kritik, da-gegen sein Vortrag miserabel.
Das werden sie sein. Komin nun selbst und höre, wie die Leute Dir behagen."
In ähnlicher Weise urteilte er einige Tage später in einem Briefe an seine Eltern inÖynhausen. Er rühmte die freundliche und rücksichtsvolle Aufnahme, die er beiWacker-nagel und seiner Frau, „nichts weniger als einer vornehmen Dame", gefunden habe, priesaber wiederum vor allen andern Lehrern den Philosophen Karl Steffensen: sein Vor-trag, die Art, wie er den Stoff behandle und seine ganze Persönlichkeit reisse alle Zuhörerhin. So wurde auch er schon in den ersten Wochen seines akademischen Lebens von diesemgewaltigen norddeutschen Denker ergriffen, der vom Standpunkte eines spekulativen Idea-lismus mit furchtloser Schärfe in die Tiefen der Geisteswelt eindrang und nach dem Urteilaller seiner Schüler die studierende Jugend mit wunderbarer Macht und Beredsamkeit inden lebendigen Strom des menschlichen Suchens und Erkennens zu versetzen wusste.
Auch in den folgenden zwei Semestern besuchte Götzinger die Vorträge Steffensens,so dass er eine Übersicht über die Geschichte der Philosophie durch alle Epochen bis zurneuem Zeit gewann. Dann setzte er seine hebräischen Übungen bei Preiswerk fort.„Sehr fleissig und mit erfreulicher Teilnahme" — wie die bekannte Bestätigungsformellautet — stellte er sich bei Wilhelm Vischer zu griechischer Literaturgeschichte und zuErklärungen des Aristophanes oder Pindar ein. Er liess sich auch bei Karl LudwigRoth für römische Autoren inscribieren und hörte unverdrossen, neben einigen Kollegiendes jungen Germanisten Max Rieger, die philologischen oder literarhistorischen VorlesungenWackernagels. Der letztere, der in seiner Wissenschaft so „wuchtig und fast unerlern-bar" war, zog ihn doch immer stärker an. Seine „germanischen Altertümer" (im Winter-semester 1856/57) nannte er ein herrliches Kolleg, und das ganze Wesen des feinen, zähen,unendlich tätigen Gelehrten hat sich ihm tief eingeprägt. In einem Nachruf, den er dem ver-storbenen Lehrer im Jahre 1870 widmete, erklärte er unumwunden, kein anderer Schüleroder Nachfolger der beiden Grimm habe es ihm an umfassendem Wissen im Gebiet derdeutschen Sprach- und Literaturgeschichte von der ältesten Zeit bis in die neueste, an einerdaneben hergehenden ausgebreiteten Kenntnis der antiken Literaturen und Sprachen, an ein-gehendster Sorgfalt im Kleinen und weitem Blicke im Grossen gleich getan. Mit Hoch-achtung schaute er an den Mann hinauf, der sich, wie man ihm in Basel erzählte, aus grosserDürftigkeit emporgerungen hatte.
Nach den uns vorliegenden Berichten darf gesagt werden, dass Götzinger während seinesAufenthaltes in Basel mit redlicher Anstrengung sich bemühte, die gebotenen Gelegenheitenzu wissenschaftlicher Förderung auszubeuten. Er wollte möglichst viel gewinnen und nachallen Seiten seinen Horizont erweitern. Im dritten Semester dehnte er seine Studien auchauf die italienische Sprache aus, und einmal belegte er bei Reber eine Vorlesung übervaterländische Geschichte. Ereignisse in der Familie trugen dazu bei, ihn für längere Zeitin ernster Richtung zu erhalten. Im Juni 1856 starb jener treue Onkel Konrad, der eine