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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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Tl. Studiengang. 9

Draussen vor dem Biehener Tor mietete er sich für das erste Semester bei einem ehr-samen Handwerksmanne, Blattmacher Eggmann, ein, der mit Stolz den Philistertitel trugund ihm in einem Gartenhäuschen zwei Zimmer anwies, um die ihn die ganze Welt be-neidete 1 ). Seinem Vetter Gottlob Kirchhofer 2 ), einem Sohne des Antistes JohannesKirchhofer in Schaffhausen, schrieb er am 14. Mai über die Immatrikulation durch BektorStintzing — die 8 Franken kostete, „wozu? das wissen die Götter" — und über die erstenEindrücke, die er von den Basler Gelehrten empfangen hatte. Mit dem Matrikelbogen,diesem edeln Papier versehen, bummelten wir zum Dekan der theologischen Fakultät,Professor Hao-enbach, um uns in die Fakultät einschreiben zu lassen und bei Gelegen-heit wieder 6 Franken zu pumpen. Das ist ein ganz kleines Männlein mit einer ganz feinenStimme, wie ein Vögelein. Dieses Männlein kann nun aber unglücklicher Weise nicht mitden Leuten sprechen und soll öfters, wenn es ins Alumneum kommt, um dort zu inspizieren,mit den Studenten anfangen übers Wetter zu sprechen. Auf dem Katheder soll es manch-mal ein wenig langweilig sein. Dagegen habe ich eine Predigt an Pfingsten bei ihm ge-hört, wie ich noch keine gehört habe, so eindrucksvoll, gemütlich, geistreich und ins Herzredend. Viele Leute schluchzten laut.

Nachdem mich nun dieses Männlein entlassen hatte mit dem kurzen Wörtlein: SindSie vielleicht der Sohn des Herrn Prof. Götzinger? bummelten wir noch zu ein paar Pro-fessoren. Hier lautet dann gewöhnlich die eine Minute lange Unterhaltung so: Student:Ich möchte mich einschreiben lassen für Ihr Kolleg. Professor: Wie ist Ihr Name ? Student:X. Y. Professor: Wie viele Klassen sind in Ihrem Gymnasium ? Student: Sechs. Professorund Student: Leben Sie wohl. Manchmal ist es noch ein wenig kürzer, z.B.bei Stockmeyer.

Nun will ich etwas erzählen von meinen Kollegien. Zuerst höre ich in zwei Stundenbei Stockmeyer den (ersten) Brief Petri, was mich aber nicht sehr anzieht; denn dawird beinahe immer polemisiert. Natürlich sind wir immer in der Einleitung. Ferner höreich bei Preiswerk hebräische Grammatik und kursorische Lektion des Exodus und Deutero-nomion. Dies ist ein grosser, dicker Herr, ausserordentlich gemütlich. Er spricht noch viellangsamer als Herr Helfer Schenkel. Sein Hebräisch ist ausgezeichnet anziehend und keines-wegs langweilig wenn man die Grammatik auch schon kennt. Beim kursorischen Lesen

übersetzt ieder __ es sind 8 — einen Vers. Er fragt dann nach den grammatischen Formen

und erklärt sie. Doch geht alles nach der Grammatik des Gesenius, auf die immer ver-wiesen wird. . . . Das sind im ganzen sechs Stunden. Jede kostet 3 Franken im Semester.

Jetzt kommen die Philosophen, die das Doppelte kosten. Da ist zuerst zu nennenGer lach bei dem ich lateinische Disputier- und Interpretierübungen in einer Stunde nehme.Sie haben aber noch nicht begonnen und ich kann deshalb nicht aus Erfahrung sprechen.Wir disputieren über ein Stück des Plautus. Gerlach soll ein ungeheurer Grobian sein. —Bei Professor Vis eher höre ich drei Stunden den Prometheus des Äschylos. Er ist ebenein trockener Philologe, gelehrt, aber nicht lebendig. Man muss die Leute nehmen, wiesie sind. Auch haben wir ein philologisches Kränzchen, wo wir etwas vom Plutarch oderdergleichen lesen werden. — Bei Professor Steffensen höre ich vier Stunden Geschichteder alten Philosophie. Dies ist mir wie fast allen das liebste. Eine solche Frische und

Vom zweiten Semester an wohnte er bei Frau Merian „am Baumle", um der Universität näher— -') Jetzt ebenfalls Pfarrer in Schaff hausen.