II. Studiengang. 1]
Stütze der Mutter und eine allzeit willkommene Erscheinung im Götzinger'schen Hause ge-wesen war. Der Neffe empfand bittern Schmerz über seinen Hinschied und liess sich nichtabhalten, nach Schaffhausen zu eilen, um dem bescheidenen und herzensguten Manne dieletzte Ehre zu erweisen. Er vergass ihn nie und gedachte seiner mit warmen Worten nochin einem der letzten Vorträge, die er in unserm Historischen Verein gehalten hat. — EinenMonat nach dem Tode des Oheims wurde er von der Mutter nach Öynhausen an das Sterbe-bett des Vaters gerufen. Er traf ihn nicht mehr am Leben und konnte ihn nur noch zumGrabe begleiten. „Der Herr hat ihn von seinen unendlichen Leiden erlöst", schrieb er nachStuttgart, „und ihm Ruhe gegeben, die wir ihm gewiss gönnen dürfen. Auch mussten wirerfahren, dass der Schutz des Herrn mächtig ist bei den Schwachen. Die teure Mutterhatte vier Tage und Nächte hindurch die Kleider nicht abgelegt und war doch frisch undgesund. Sie hat dem seligen Vater unendlich viel Liebes erwiesen, wofür ihr einst drobenvergolten werden wird." Man versteht, dass der Sohn bei aller "Wehmut den Verstorbenenglücklich schätzen musste und dass er seiner Mutter die Erleichterung gönnen mochte, dieihr nach jahrelanger, aufopfernder Hingabe geworden war.
Mit der Elastizität der Jugend entwand sich indes der Basler Student den schmerz-lichen Eindrücken dieser Todesfälle. Um nicht isoliert zu bleiben, war er bereits der Neu-Zofmgia beigetreten, deren Mitglieder in Basel, wie er an die besorgte Mutter schrieb, „ohneAusnahme recht hübsche Leute" waren, und der hoch aufgeschossene „Moloch" geuoss mitseinen Freunden in reinen Zügen die gesellige Lust der akademischen Jugend. Es herrschteunter dem Präsidium von Flavian Bislin aus Pfävers — ein frischer und fröhlicher,solider und patriotischer Geist in diesem Kreise. Als die Verwicklung mit Preussen wegender Neuenburger Wirren gegen das Ende des Jahres 185G einen bedrohlichen Charakterannahm, gründeten die Zofinger mit andern Studenten eine akademische Legion, die sichvon Dufour inspizieren liess und sich dem Vaterlande zur Verfügung stellte. Glück-licherweise musste ihre und des ganzen Schweizervolkes Entschlossenheit nicht die Probebestehen. Aber es war ihnen Ernst bei ihren militärischen Übungen auf den Wällen oderauf dem Münsterplatz, und Götzinger, der „in blauem Kaput, mit Säbel, Patrontasche, Haber-sack und einem neun Pfund schweren Gewehr" täglich vier Stunden „flott" exercierte, zeigtesich sehr aufgebracht, als seine damals in Vevey weilenden Geschwister über seinen Eiferspotteten: „Schande und Schmach über euch! Wer sollte denn daheim bleiben hinterm Ofen,wenn alles sich erhebt! . . . Mit dem Bajonnet hätten wir das infame Preussenvolk ange-griffen!" Doch hatte er nichts gegen die Herstellung des „goldenen Friedens" einzuwenden,der ihm gestattete, im Januar 1857 die ruhige Arbeit wieder aufzunehmen. — Freundschaft-lichen Verkehr fand er auch im Hause des liebenswürdigen Professors Roth; er wurde dortwie ein Familienglied betrachtet, und mit seinem Sohne Wilhelm Roth, einem in gleichemAlter stehenden Orientalisten von seltenen Geistesgaben und goldenem Charakter, schlosser eine innige Gemeinschaft, die für seine weitere Entwicklung ein wahrer Segen Avurde.Gern nahm er an gemeinsamen Ausflügen von Vereinsgenossen und andern Freunden teil;denn das Wandern war seine Lust, wie es die des Pastors von Neustadt gewesen war. Erlernte die Umgebung von Basel bis zum Jura hinauf und zum Schwarzwald hinüber gründlichkennen. Doch trug er Sorge, über dem Vergnügen nicht seine Pflichten zu versäumen.Am Auffahrtstage des Jahres 1857 bestieg er in der Morgenfrühe mit glücklichen Kameradendie Bölchenfluh, freute sich des Sonnenaufgangs und der weiten Rundsicht und nahm noch