8 TT. Studiengang.
Französisch, Englisch und Hebräisch, Geschichte, Mathematik, Physik und Chemie die zweiteNote, „gut"; in der deutschen Sprache und Literatur musste er sich sogar mit einem „ziemlichgut" begnügen. Das wurmte ihn, wie er nachmals seinen Schülern oft gestanden hat; aberdas beschämende und gewiss den Vater tief betrübende Ergebnis brachte in ihm den Ent-schluss zur Reife, nun erst recht deutsch zu lernen!
Längst hatte er sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, nach Absolvierung desGymnasiums auf die Universität zu gehen und sich für eine Lehrstelle auszubilden. Auf-fallenderweise entsprach eine solche Wahl nicht ganz dem Sinne seines Vaters, der ihn wohllieber in einem kaufmännischen oder technischen Beruf gesehen hätte. Einem sächsischenFreunde schrieb er im Jahre 1854: „Mein Sohn Ernst besucht das hiesige Gymnasium undwill leider studieren. Ich sage leider! Nicht dass es ihm an Talent oder Fleiss fehlte; aberich halte es für einen tüchtigem Beruf, auf andere Weise den Menschen zu nützen, als indem grossen Pferche der Staatsdienerschaft mit eingeschlossen zu sein; denn darauf läuftja jetzt alles Studieren hinaus." Allein der Sohn beharrte auf seinem Vorhaben und be-kannte später in einer seiner kleinen Schriften, dass er eben durch das Beispiel seines Vaters,der sein ganzes Leben und Gemüt der Schule hingegeben, von Kindheit an bewegt wordensei, sich seinem Lehramt „nachzustrecken".
So wurde denn entschieden, dass er zunächst die Basler Universität beziehen sollte.Es geschah in einer für die Familie schweren Zeit. Das Leiden des Vaters hatte einenunerträglichen Charakter angenommen; nun stellte dieser seine letzte Hoffnung auf die Heil-wirkungen des Bades Öynhausen und trat mit der Mutter die Reise nach Westfalen an,um nicht mehr zurückzukehren. Zeitweise löste sich ein äusserer Zusammenhang der Familiebeinahe völlig auf. Unter diesen Umständen muss dem Sohne der Abschied nicht leichtgefallen sein. In einer noch lange nachklingenden, ernsten Stimmung verliess er das Eltern-haus. Mit seinem Klassengenossen August Bächtold 1 ) erreichte er über Waldshut undSäckingen Ende April 1856 den erwählten Sitz der Wissenschaft und betrat ihn mit dernaiven Ehrfurcht eines unverdorbenen, vom redlichsten Streben erfüllten Musensohnes.
Basel.
Es sind wohl finanzielle Gründe oder zufällige Äusserungen des Vaters gewesen, dieGötzinger veranlasst haben, sich an der theologischen Fakultät zu immatrikulieren; denntrotz der gläubig frommen Richtung, die er unter der Einwirkung seiner Mutter gewonnenhatte und für einmal noch festhielt, dachte er keinen Augenblick an das Studium der Theo-logie. Als sein Hauptgebiet nahm er die Germanistik in Aussicht, und ohne Frage war esWilhelm Wackernagel, der alte Freund des Vaters, der ihn in erster Linie nach Baselzog. Aber bevor er sich in eine die Kräfte allzusehr absorbierende Spezialität einliess,wollte er verständigerweise einen möglichst breiten Grund der allgemeinen Bildung legen,und er besuchte nun mit leidenschaftlichem, fast übertriebenem Eifer, 27 bis 30 Stundenin der Woche, die verschiedensten Kollegien, die in der philosophischen und in der theo-logischen Fakultät geboten wurden. Seine an die Eltern oder an Mitglieder des Verwandten-kreises gerichteten Briefe geben reichlichen Aufschluss über die Anfänge seiner Studienzeit.
*) Jetzt Pfarrei' in Schaffhausen.