6 II. Sfcudiengang.
Jugendzeit. Er war immer aufgeräumt, redselig, voll drolliger Einfälle und Geschichtenund dabei ein leidlich hübscher Junge mit blondem Haar und hellen Augen, die einer Haus-freundin „wie-n-e Sünneli" erschienen.
Es verstand sich von selbst, dass Ernst nach den Elementarkursen in das Gymnasiumübertrat und stufenweise (von 1847 an) alle Klassen der Realschule und der Gelehrtenschule,oder — wie man seit einer Umgestaltung des Jahres 1851 sagte — des untern und desobern Gymnasiums durchlief. Seinen Vater konnte er nicht mehr als Lehrer haben, undfür dessen Nachfolger, Ludwig Frauer aus Saulgau, empfand er, wie es scheint, nurwenig Sympathie. Aber ein so ausgezeichneter Philologe, wie Robert Adolf Morstadtvon Karlsruhe, führte ihn in die klassischen Sprachen ein, und der junge RechtshistorikerKarl Gustav AdolfKnies, der nur allzubald wieder von Schaff hausen schied, begeisterteihn für die Geschichte. Zu Hause hatte er an den Arbeiten des Vaters mit Kopien undKorrespondenzen teilzunehmen; da gewann er einen Einblick in die Leiden und Freudender wissenschaftlichen Tätigkeit, in die Geheimnisse einer reichen germanistischen Bibliothekund in einen ausgebreiteten Verkehr mit Buchhändlern und Gelehrten. Nebenbei übte erseine körperlichen Kräfte. Er gehörte sechs Jahre lang dem schon im vorigen Jahrhundertgegründeten „Kadetteninstitut des eidgenössischen Standes Schaffhausen" an, freute sich derAusmärsche nach Stein oder Änderungen und brachte es bis zum Range eines Oberlieutenants,so dass die Direktion bei seinem Austritt die Hoffnung hegen konnte, er werde „im reifernAlter mit der erworbenen Militärkenntnis dem Vaterlande als ein ächter Eidsgenosse" dienen.
Wie er im Gymnasium allmählich vorwärts schritt und reifer wurde, erkennt man auseiner Reihe seiner Briefe, die durch pietätvolle Hände bis zum Jahre 1848 zurück erhaltenworden sind 1 ). Anfangs zeigen Schrift und Anlage noch schülerhafte Formen. Er gestehtetwa seiner Schwester, er hätte ihr schon längst gern geschrieben, er habe aber keinenAnfang und kein Ende gefunden. Er drückt seine Freude aus über ein schönes Messer,das ihm der Vater schenkte, und über ein Zweiguldenstück, das er vom Gemahl seinerPatin, dem Pfarrer Frank aus Langental, „zum Herbst" erhielt, damit er Pulver kaufenkönne; oder er meldet seiner Cousine Charlotte Kirchhofer in Stuttgart während derBadischen Wirren im Sommer 1849, da Schaffhausen zum Jubel der Jugend von Soldatenwimmelte, den bevorstehenden Besuch des „hochweltberühmten Generals Dufour". Dannwird die Schrift aufrecht, der Inhalt wächst, und schon treibt der Schalk zwischen denZeilen sein neckisches Spiel. Eingehend berichtet er im Jahre 1850 von einem Aufenthaltin Pfävers, wo er seinem Vater Gesellschaft leisten durfte, und von einem Besuche inFideris, das „seiner Unreinlichkeit wegen" vielleicht eines der berühmtesten Bäder sei.Seine abwesende Schwester redet er gelegentlich als „vielvermisste, allerseits andächtigste"an und unterhält sie mit einem Ausflug nach der Reichenau, an welchem sich der mit demVater befreundete Pfarrer Mörikofer in Gottlieben beteiligte. Sie hatten in Ermatingenlange auf ein Boot zu warten; endlich erschien ein Schiffer „mit einem ganz jungen Mägd-
') Briefe und anderes Material haben Frau Prof. Ottilie Hug-G-ötzinger in Zürich, FrauCharlotte Mo y er -Kirch h ofe r in Haigerloch, Frau Bürke-Mül 1 er in St. Gallen, sowie die HerrenMax Götzinger in Basel, Dr. Wilhelm Götzinger in St. Gallen, Pfarrer Gottlob Kirchhoferin Schaffhansen, Dr. Hermann Wartmann in St. Gallen und Prof. Dr. Bäbler in Arau dem Ver-fasser dieses Lebensbildes zur Verfügung gestellt. Es sei ihnen für ihr gütiges Vertrauen aufs freund-lichste gedankt.