J. 1. Herkunft.
Von den Söhnen des Pastors zu Neustadt entschied sich der vierte, MaximilianWilhelm, geboren am 14. November 1799, der Familientradition gemäss für einen wissen-schaftlichen Beruf. Von der Theologie, die ihm nicht die erwartete innere Befriedigunggewährte, gieng er zu germanistischen Studien und zur pädagogischen Laufbahn über,wirkte zuerst in Sachsen, dann drei Jahre lang in Hofwil am blühenden Fellenberg'schenInstitut und kam 1827 als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur an das eben reor-ganisierte Gymnasium in Schaffhausen. Dort lebte er sich völlig ein, gründete rasch ent-schlossen einen eigenen Hausstand und erhielt das Bürgerrecht. Durch 23 Jahre hindurchwar er an der Schaffhauser Schule, zeitweise auch am Collegium humanitatis, tätig, bis ihneine Erlahmung des rechten Armes im Jahre 1850 zwang, sich in den Ruhestand versetzenzu lassen. Er schrieb dann mit der linken Hand und blieb hellen Geistes; doch zehrte dasum sich greifende Leiden allmählich seine Kräfte auf. Umgeben von der treuen Sorge seinerFrau starb er am 2. August 1856 im westfälischen Bade Oynhausen.
Max Wilhelm Götzinger ist durch seine zahlreichen, dem Sprachunterrichte dienendenSchriften: die „Deutsche Sprachlehre", den „Dichtersaal", die „Deutschen Dichter", die„Stilschule zu Übungen in der Muttersprache" u. s. f., in weiten Kreisen bekannt geworden.Wohlgeschult durch das Studium der Kantischen Philosoj)hie und von Natur ein klarer,nüchterner Denker und Schreiber, zielte er schon in seinem ersten, 1824 erschienenen Buche,den „Anfangsgründen der deutschen Sprachlehre", auf eine sichere, verständige Handhabungder Muttersprache und erwarb sich grosse Teilnahme, indem er mit dem bündigen gram-matischen Texte einen Aufgabenstoff von gesunder Tüchtigkeit verband. Nicht geringereAnerkennung fanden seine in den Deutschen Dichtern niedergelegten literaturgeschichtlichenForschungen; denn das Werk erwies sich als ein selbständiger, geistvoller Kommentar derbedeutendsten kleinern Dichtungen des klassischen Zeitalters von Geliert bis auf Rückertund war bahnbrechend für die Aufsuchung und Würdigung der Quellen. Die jmilosophischeFakultät der Basler Hochschule ernannte den scharfsinnigen Gelehrten schon 1838 auf denVorschlag Wackernagels zum Ehrendoktor. Als einst ein Ruf an die Kantonsschule in Arauan ihn ergieng, traten Stadt und Land opferfreudig ein, um ihn Schaffhausen zu erhalten.Er war ein Mann von festem Charakter, von lauterer Gesinnung und unbestechlicherWahrhaftigkeit, ein Verstandesmensch und scharfer Kritiker von allzeit präsentem Wissenund überlegener Schlagfertigkeit, doch nicht ohne Regungen eines tiefen Gemütes. SeinenFreunden diente er mit wahrhaft edler Hingabe. Die eifrigen und talentvollen Schülerhatten ihm mächtige Förderung zu verdanken; in guter Gesellschaft konnte er ausnehmendheiter und gesprächig sein; an seiner Gattin hieng er mit zärtlicher Liebe, und in derWohnstube fesselte er die Kinder durch eine unvergleichliche Erzählungskunst. An langenWinterabenden sammelten sie sich mit der Mutter und der spinnenden Magd um seinenStuhl, und sie konnten sich nicht satt hören, wie er ihnen in der reinen Sprache, deren ersich stets befliss, den Zauber der deutschen Sagen- und Märchenwelt erschloss.
Seine um ein paar Jahre ältere Lebensgefährtin, Johanna Barbara Kirchhof er,hatte er sich aus einer Schaffhauser Familie gewählt. Sie war eine ausgezeichnete Frau,einfach sicher gebildet, feinsinnig und herzensgut, fromm und fröhlich. Wie sie ihrenGatten mit sanfter Hingabe zu leiten und zu befriedigen verstand, so erzog sie die Kindermit Umsicht und liebevoller Sorgfalt. Auf einem kleinen Bildchen erscheint sie neben demalternden Gemahl noch wohl erhalten; sie trägt ein schlichtes weisses Häubchen: aus ihren