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Auswahl wichtiger Aktenstuecke zur Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts
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1875. Brief des Grafen Lhambord.

der öffentlichen Sicherheit gelangen, ohne welche die Freiheit selbst nicht ge-fahrlos ist. Meine Herren Senatoren, meine Herren Abgeordneten! Einweites Feld der Thätigkeit öffnet sich Ihnen. Die heute vollendete nationaleEinheit wird, ich hoffe es, zur Wirkung haben, die Kämpfe der Parteien,deren Wettstreit in Zukunft keinen andern Zweck als die Entwickelung derproduktiven Kräfte der Nation haben wird, minder leidenschaftlich zu gestalten.Ich freue mich, zu sehen, daß unsere Bevölkerung bereits unzweideutige Be-weise ihrer Liebe zur Arbeit giebt. Das volkswirtschaftliche Erwachen folgtdem politischen Erwachen bald nach. Die Kreditinstitute vermehren sich ebenso,wie die Handelsgesellschaften, die Kunst- und Industrieausstellungen und dieGelehrtenkongresse. Sie und ich müssen diese fruchtbare Bewegung begünstigen,indem wir dem gewerblichen und wissenschaftlichen Unterrichte größere Aus-dehnung und Ausgiebigkeit geben und dem Handel neue Verkehrs- und Ab-satzwege eröffnen. Die Durchstechung des Mont-Cenis ist beendigt, man ist imBegriffe die Durchbrechung des St. Gotthard zu unternehmen. Der durchItalien gehende Handelsweg, welcher nach Brindisi führt und Europa Ost-indien nahe bringt, wird so für die Lokomotive drei Wege durch die Alpengeöffnet haben. Die Schnelligkeit der Reisen, die Leichtigkeit des Verkehrswerden die freundschaftlichen Beziehungen vermehren, die uns schon mit denanderen Nationen vereinigen, und den berechtigten Wetteifer der Arbeit undder Zivilisation fruchtbarer machen.

271. Brief des Grafen Chambord an Chesnelong.

30. Oktober 1873.

Salzburg, 27. Oktober. Mein Herr! Ich habe von Ihrem Besuche inSalzburg eine so angenehme Erinnerung bewahrt und eine so hohe Achtungvon Ihrem edlen Charakter gewonnen, daß ich nicht anstehe, ebenso loyal, wieSie mir entgegengetreten sind, mich an Sie zu wenden. Sie haben im Lauselanger Stunden die Geschicke unseres teuren geliebten Vaterlandes mit mirbesprochen und ich weiß, daß Sie bei Ihrer Heimkehr im Kreise Ihrer Kol-legen Worte geäußert haben, die Ihnen meine Dankbarkeit für ewig sichernwerden. Ich danke Ihnen, daß Sie die Bangigkeit meines Herzens so wohlverstanden, daß Sie von der unerschütterlichen Festigkeit meiner Entschlüssenichts verhehlt haben. Ich bin auch nicht wenig erstaunt darüber, wenn dieöffentliche Meinung, beeinflußt von der Tagesstimmung — was ich beklage —behauptet hat, daß ich endlich einwilligte, legitimer König der Revolution zuwerden. Ich hatte als Gewährsmann und Beweiszeugen einen Mann vonHerz und ich war entschlossen zu schweigen, so lange man mich nicht zwingenwürde, an Ihre Loyalität zu appellieren. Da aber, ungeachtet aller IhrerBemühungen, die Mißverständnisse sich mehren, die zum Zwecke haben, meineganz offen und klar daliegende Politik zu verdunkeln, so bin ich die volleWahrheit diesem Lande schuldig, von dem ich verkannt werden kann, das aberdoch meiner Aufrichtigkeit Achtung zollt, weil es weiß, daß ich es niemals ge-täuscht habe und daß ich es niemals täuschen werde. Man fordert jetzt vonmir das Opfer meiner Ehre, was kann ich antworten? Anderes nicht, alsdaß ich von meinen früheren Erklärungen nichts zurücknehme, nichts an den-selben mindere. Die Ansprüche von heute geben mir den Maßstab für dieForderungen des andern Morgens und ich kann nicht darein willigen, einstarkes und reparatorische Ziele verfolgendes Königtum mit einem Akte derSchwäche zu inaugurieren. Man liebt es, der Festigkeit Heinrichs V. dieGewandtheit Heinrichs IV. gegenüberzustellen. Letzterer sagte häufig: die großeLiebe, die ich zu meinen Unterthanen im Herzen trage, macht mich zu allemfähig, was ehrenvoll ist; ich glaube behaupten zu können, daß in diesem