<871. Thronrede Aaifer Ulilhelms t.
555
266. Eröffnung des ersten deutschen Reichstages. ThronredeKaiser Wilhelms I. 21. März 1871.
Geehrte Herren I Wenn ich nach dem glorreichen, aber schweren Kampfe,den Deutschland für seine Unabhängigkeit siegreich geführt hat, zum erstenMale den deutschen Reichstag um mich versammelt sehe, so drängt es michvor allem, meinem demütigen Dank gegen Gott Ausdruck zu geben für dieweltgeschichtlichen Erfolge, mit denen seine Gnade die treue Eintracht Ver-deutschen Bundesgenossen, den Heldenmut und die Mannszucht unserer Heereund die opferfreudige Hingebung des deutschen Volkes gesegnet hat. Wirhaben erreicht, was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde:die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sickerung unserer Grenzen,die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwickelung. Das Bewußtseinseiner Einheit war in dem deutschen Volke, wenn auch verhüllt, doch stetslebendig; es hat seine Hülle gesprengt in der Begeisterung, mit welcher diegesamte Nation sich zur Verteidigung des bedrohten Vaterlandes erhob undin unvertilgbarer Schrift auf den Schlachtfeldern Frankreichs ihren Willenverzeichnet«, ein einiges Volk zu sein und zu bleiben. Der Geist, welcher indem deutschen Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nichtminder die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahrenDeutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauckeseiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutsch-land für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwilligder Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie derstarken. Das neue Deutsckland, wie es aus der Feuerprobe des gegenwärtigenKrieges hervorgegangen ist, wird ein zuverlässiger Bürge des europäischenFriedens sein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnungseiner eigenen Angelegenheiten als sein ausschließliches, aber auch ausreichen-des und zufriedenstellendes Erbteil zu bewahren. Es hat mir zur besonderenGenugthuung gereicht, in diesem Geiste des Friedens inmitten des schwerenKrieges, den wir führten, die Stimme Deutschlands bei den Verhandlungengeltend zu machen, welche auf der durch die vermittelnden Bestrebungenmeines auswärtigen Amtes herbeigeführten Konferenz in London ihren be-friedigenden Abschluß gefunden haben. Der ehrenvolle Beruf des erstendeutschen Reichstags wird es zunächst sein, die Wunden nach Möglichkeit zuheilen, welche der Krieg geschlagen hat, und den Dank des Vaterlandes denenzu bethätigen, welche den Sieg mit ihrem Blute und Loben bezahlt haben.Gleichzeitig werden Sie, geehrte Herren, die Arbeiten beginnen, durch welchedie Organe des deutschen Reiches zur Erfüllung der Aufgabe Zusammenwirken,welche die Verfassung ihnen stellt: zum Schutze des in Deutschland gültigenRechts und zur Pflege der Wohlfahrt des deutschen Volkes. Die Vorarbeitenfür die regelmäßige Gesetzgebung haben leider durch den Krieg Verzögerungenund Unterbrechungen erlitten; die Vorlagen, welche Ihnen zugehen werden,leiten sich daher unmittelbar aus der neuen Gestaltung Deutschlands ab.Die in den einzelnen Verträgen vom November v. Js. zerstreuten Verfassungs-bestimmungen sollen in einer neuen Redaktion der Reichsverfassung ihre ge-ordnete Zusammenstellung und ihren gleichmäßigen Ausdruck finden. DieBeteiligung der einzelnen Bundesstaaten an den laufenden Ausgaben desReiches bedarf der gesetzlichen Regelung; für die von der königlich bayerischenRegierung beabsichtigte Einführung der norddeutschen Gesetze in Bayern wirdIhre Mitwirkung in Anspruch genommen werden. Die Verfügung über dievon Frankreich zu leistende Kriegskostenentschädigung wird nach Maßgabe derBedürfnisse des Reiches und der berechtigten Ansprüche seiner Mitglieder mitIhrer Zustimmung getroffen und die Rechenschaft über die zur Kriegführungverwendeten Mittel Ihnen so schleunig vorgelegt werden, als es die Umstände