36
Darm liegt eben das größte Verdienst der Philanthropinisten,daß sie sich zum Kinde her ab gelassen haben und erklärend ana-lytisch zu Werke gingen, während der bisherige, mit vielem Wort-bombast daherschreitende Unterricht die Köpfe wenig erhellt hatte.
Aber wenn auch der Philanthropinismus der Boden war, aufwelchem Campes pädagogische Anschauungen keimten und sproßten,so folgte er doch den Verschlingungen seiner Wege nicht blindlings.Er nahm als denkender Kopf zum ganzen System der Schule baldseine eigene, durchaus selbständige Stellung ein, indem er z. B. inden schon erwähnten „pädagogischenUnterhandlnngen(Unterhaltungen)"(und später im Revisionswerke — siehe weiter unten! —) eine Schriftveröffentlichte „Ob es ratsam sei, die Ehrbegierde zu einer mora-lischen Triebfeder bei der Erziehung zu machen?" — Es wider-strebte seiner gesunden Anschauung, Basedows Belohnungsmittel,nämlich äußere Auszeichnungen durch gelbe und schwarze Nägel aufden Meritentafeln und durch den Orden des Fleißes, der von denZöglingen im Knopfloch getragen wurde, anznwenden. — CampesDarlegung seiner Ansichten war dabei so überzeugend, daß seltenjemand seine Einsicht für dieselben verschließen konnte. - Werrastet, der rostet; das empfand Campes stets thätiger Geist,wenn er an Elise Reimarus in Hamburg schreibt, „er wolle sichlieber verbannt wissen, als an der Auszehrung sterben."Die geistige Unthätigkeit ist ihm die Auszehrung. Was nunden Philanthropinismus vor allen andern Schulen auszeichnete, diePflege des Körpers und Behütung vor den entnervenden Folgender Onanie, die Richtung auf das für das Leben Praktische undNützliche, die Verbesserung der Methoden, um den Unterricht inangenehmere und leichtere Bahnen zu lenken, die Betonung der Ge-müts- und Charakterbildung, das klingt in Campes Erziehungs-schriften in einem so edlen Tone durch, daß wohl diejenigen einUnrecht begehen, die (wie in Schmidts Encyklopüdie) Campe der— Roheit beschuldigen, weil er das so oft verdrehte Paradoxonaussprach: „die Erfinder der Mummes — Christian Mumme in
*) Die Mumme ist ein dickflüssiges, berauschendes Bier, welches in deralten Welfenstadt früher eine nicht unbedeutende Ralle spielte. D. Verf.