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Kirchen gefüllter als hier. Es läßt sich freilich nicht leugnen,daß die Bewohner bei ihrem meist konservativen Charaktervielfach gewohnheitsmäßig diese ihre, vermeintliche Pflicht er-füllen, doch liegt vielen auch ein wahrhaft religiöser Drang zugründe, ein Drang, der sich oft bis zum Separatismus steigertund zuweilen besonders unter den Webern und Spinnern inSchwärmerei ausartet. In der Mitte des vorigen Jahrhundertsmachte der sogenannte „Christus von Jöllenbeck" viel vonsich reden, noch früher fanden die Labadisten bei HerfordAnhänger und selbst vor dreißig Jahren noch tauchte bei Schil-desche eine Secte auf, die ihre communistischen Ideen auch aufdie Frauen ausdehnte und sowohl an die Labadisten, als auchan gewisse Vorkommnisse in Königsberg erinnerte, wiewohl sieein gröberer und darum gefahrloserer Zuschnitt charakterisierte.
Es scheint, als ob mit der Herrschaft des Rationalismusin der Kirche, wie solches zu Ende des vorigen und zuAnfang dieses Jahrhunderts der Fall war, das metaphysischeBedürfnis des Volkes sich mit Gewalt Bahn bricht und inSeparatismus und Schwärmerei sich änßert. So berichtet unsdie Kirchenchronik Werthers von einem Kolonen: „Er schien
sich selbst für den Messias zu halten und war in seinen Be-griffen so gänzlich verwirret, daß er einen durchaus unver-ständlichen Jargon redete. Er unternahm im Jahre 1799die Kirche zn stürmen, indem er an einem Feiertage währendder Communion in einem ganz apokalyptischen Kostüm, mitgelben Bändern und Troddeln ausstaffiret, eine Geißel in derHand, zu Pferde vor der Kirchthür erschien. Weil aber dasPferd Schwierigkeiten machte, hineinzugehen, so kamen zweiBürger dazu, die ihn durch Prügel zwangen, in voller Car-riere den Rückweg nach Hause zu nehmen. Die gelbe Farbewar ihm heilig, daher er sie zur Kleidung und als Tintegebrauchte, auch wenn Leichen in seinem Hause vorfielen, so-wohl den Sarg als die Leichname selbst mit gelbem Okerbestrich, wie er denn auch keine andere als gelbe Pferde hielt.Er war übrigens der beste, fleißigste und klügste Ackerwirt imKirchspiel und hatte immer reiche Ernte. Viel Einfluß besaß erindessen nicht, weil seine Narrheit zu offenbar war."
Wenden wir uns nun in wenigen Worten der älterenZeit wieder zu, jener Zeit, die uns zur weiteren Darlegung dersocialen Verhältnisse Ravensbergs veranlaßte.
Wir sehen im Geiste die Patrizierfrauen in ihren perlen-,gold- und silberbesetzten Gewändern schmuckbeladen durch dieengen Straßen ziehen, sittsam begrüßt von den ebenso ausstaf-