Eben dies Wissen vom Glauben wurde ihm so schwer; damitkonnte er nicht fertig werden. Das eben war das Räthsel seinesinnern Lebens, daß er nicht das Wort finden konnte für das Unaus-sprechliche in seinem Innersten, was wir Glauben nennen. Als einFremdling in zwei Welten ging er mit geschloffenen Lippen und ge-senkten Augen unter dem Himmel, dessen Sterne auf ihn nie-derleuchteten, und suchte auf der weiten Erde eine Heimath, die erdort oben ahnte. Wie hat dies Wechsellicht, dies Stummsein, dieseFremdlingschaft, dies Räthsel ihn oft gepeinigt und gedrückt; welcheKraft hat er aufgeboten, sich ihm zu entreißen, wie hat es ihn er-quickt, es, wenn nicht in sich, doch in Andern, namentlich in seinerlieben Frau, gelöst zu sehen! Und auch für sich hat er gewiß inStunden der stillen Einkehr noch vor seinem Ende die Lösung ge-funden. Ein Zeugniß dafür ist das schöne Sonett über Lukas 18, 10.Sollt' es nicht der Ausdruck seines eigenen Innern gewesen sein?Dergleichen nur der Form wegen zu dichten war auch der Dichterzu wahr. Und darin ist ja das Grundverhältniß des sündigen Men-schen zu Gott echt christlich ausgesprochen. Mit Einem Worte,mir ist es gewiß, daß der finnige Fremdling nun daheim ist beim Herrn."
Diese Ueberzeugung im vollen Maaße theilend, bekenne ich dochgern mein Unvermögen zu einer so trefflichen Entwickelung, als sieder verehrte und geliebte Freund in Vorstehendem gegeben hat.
Chamiffo ist oft gezeichnet und nie eigentlich verfehlt worden.Aber immer gelang es nur, das tief Ernste in dem edlen Antlitzwiederzugeben; nie das unbeschreiblich Liebliche, welches sich überdasselbe verbreitete, wenn Erfreuliches, namentlich ein lieber Freundihm entgegentrat und er ihm die Hand zum Gruße reichte. Eswar dann, als ob die Sonne in ihrem schönsten Glanze durch Ge-wölk bricht*). Von seiner Gestalt hat Maler Weiß, der in Cha-
*) Sehr richtig hat A. N ebenst ein in einem Aufsatze: „Mein letzter Be-such bei Chamisso" bemerkt: „Chamisso's Wesen war ungemein zart, sein Lächelnhatte etwas Jungfräuliches und cs schwebt mir besonders noch von meinemletzten Besuch der feine Zug um den Mund vor, der zu den festen Augen, derentschlossenen Stirn, der kühnen Nase in all' seinen Porrraits nicht passen will."
18