Druckschrift 
6 (1864)
Entstehung
Seite
271
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sinnungen Unrecht gethan! Er war eben so wenig ein Religions-spötter, als ein Frondeur, und wenn geschrieben steht:An ihrenFrüchten sollt ihr sie erkennen", so wird ihm von diesem Stand-punkte aus wohl so leicht Keiner den Vorrang streitig machen. Diesgab Fouqus einst Veranlassung zu dem guten Worte:Insoferner es überhaupt für zulässig halten könnte, einen Christen von dempositiven Glauben zu dispensiren, so würde Chamifso ihm auf eineBefreiung von dem Dogma Anspruch zu haben scheinen." Und werwollte es wagen, ihm, der sich nie über dergleichen auszusprechenpflegte, selbst den positiven Glauben abzusprcchen!"

Als ich dies niederschrieb, kannte ich seine Briefe an de la Fopeaus seinen letzten Lebensjahren noch nicht. Jetzt lese man, was erselbst in dieser Beziehung (Brief 7. und 51.) von sich aussagt, undbestimme hiernach sein Urtheil.

Bei dieser Veranlassung scheint es angemessen, dasjenige, wasmir ein gemeinschaftlicher Freund von Chamisso und mir, dessenchristliche Gesinnung ich eben so hoch stelle als seine christliche Ein-sicht, über Chamisso in religiöser Beziehung schreibt, wörtlich mit-zutheilen:Es ist so lauten die gewichtigen Worte in DeinerAuffassung volle Wahrheit; ich stimme ihr ganz bei, was die Haupt-sache betrifft; nur mit einzelnen Modifikationen nach meiner Ansicht.Chamisso hatte so mein' ich den Glauben, den positivenchristlichen Glauben, nur nicht das Wort, den Ausdruck dafür.Warum er nicht dazu gelangen konnte, hast Du psychologisch wahrund einleuchtend auseinandergesetzt. Die Eindrücke seiner Erziehung,die Richtung seines Lebens- und Bildungsganges in einer unkirch-lichen, ja frivolen Zeit, seine Unfähigkeit durch Reflexion mit sichins Klare zu kommen, sein vorwiegender Realismus, seine isolirteStellung, der es auch an einem kirchlichen Vaterlande fehlte, mußteihn mit sich und der christlichen Welt in Widerspruch setzen. Die-sen Widerspruch fühlte er selbst recht gut, es peinigte ihn, wie erdas schon in den pstitss postes Nr. 7. der Frau von Stael naivgenug bekannte. Daß in ihm das religiöse Bedürfniß und Gefühl,wie jede wahre Seite des menschlichen Gemüthes mächtig genugwar, dafür sprechen deutliche Äußerungen in jeder Periode seines