An Rosa Maria in Hamburg.
Berlin 7. Juli 180»')
Liebe Rosa, theure Schwester! Ich fühle, daß die Feder de»!Papier nicht erzählen kann und mag, was unter Befreundeten diesalsdj lebendige Rede zu erblühen begehrt. Ich erwidere spät Ihrefreundlichen Worte, doch glauben Sie sie nicht ins Leere ge-fallen; sie haben Ihren alten Freund tief ergriffen, und er begehrtewie sehr! zu Ihnen; äußere Hemmungen versperren aber die Aus-sicht. Rechnen Sie indessen auf ihn, auf diesen andern Bruder, dader eine Ihnen entrückt scheint, und möchte das Leben ihm darbieten,als solcher aus irgend eine Weise jemals handeln zu können. —Karl's Einfall in diesem Krieg zu hospitiren scheint mir jetzt selbst,mit der kältesten Klugheit geprüft, sehr vernünftig. Der Degen undeine Verehrung gebietende Uniform werden seine mannigfaltigen Ta-lente nach abgethaner Sache überall geltend machen, und (hat ersich nur etwas die Stoßhörner abgefeilt und den Geist der Unruheaus dem Leibe geschüttelt) werden alle Carriercn ihm offen stehen,wie wirklich schon eifrige, scharfsinnige Freunde im Voraus für ihnan die Diplomatie denken, zn der seine Gewandtheit und Behand-lungskunst der Menschen und ihrer Verhältnisse ihn sehr aneignenwürden. —
Wollen Sie wissen, wie mir ist? Kühl zu Herzen, nüchtern zuKopfe, grau zu Gesichte. Ich habe Verzicht geleistet, und lebe stillund heiter genug anspruchslos vor mich hin, doch schreib' ich keineBriefe, denn der Zauberkicl in meiner Hand setzt nichts ins Aeußere,sondern rückbringt mich auf mich selber und erweckt da ein seltsamdüsteres Spiel der Gedanken, mit dem ich lang mich »och quäle,wenn ich ihn müßig wieder hingesctzt habe. Ich lebe in bester Ein-
') lieber dem Abdrucke diese» Briefs in den „Jahreszeiten" l8ä3 S. 1648 stehtfalsch 17. Juli! er ist offenbar vor der Schlacht bei Wagram (K. bis IN. Juli)geschrieben. S. Br. 97.')