25
und seinen Nachfolgern auf neuen Grundlagen aufgebaut undzugleich die Sprache reformirt ward.
Es kann dies nicht an mangelnder Befähigung deslatinifchen Stammes liegen. Denn wenn derselbe auch nichtzu den am meisten musisch begabten Mitgliedern der sogenanntenindogermanischen Völkerfamilie zählt, so gehört er noch minderzu den am wenigsten begünstigten, steht vielmehr im Gebieteder Dichtung und Kunst, wenn auch nicht produktiv, so dochrezeptiv den engverwandten Griechen am nächsten.
Es war der eherne, erbarmenlose Gang der römischenGeschichte seit Vertreibung der Könige, welcher die Poesie theilstödtete, theils im Wachsthum behinderte. Wie die Träger derWeltgeschichte, durch die Staaten begründet, erhöht oder auchzum Abgrund geführt werden, die oft ganzen Völkern oderEpochen den unvertilgbaren Stempel ihrer mächtigen Hand auf-drücken, selten Zeit und Stimmung finden die zarten und mildenEigenschaften der menschlichen Begabung zu Pflegen, so wares bei dem gesamten Römervolke. In den schweren Jahrhun-derten, die nach der glänzenden und kunstliebenden Regierungder letzten Könige folgten, fast ohne Unterbrechung von äußerenKriegen und inneren Zwisten ausgefüllt, erstarb der musischeGeist und konnte nicht aus sich selbst, ja zunächst nicht einmaldurch Anschluß an die vor allen Völkern poetisch begabtenGriechen wieder zu neuem Leben erweckt worden. Die Be-gründer und Mehrer der seit dem Ende des ersten punischenKrieges in Nachahmung der Griechen entstandenen Dichtungenwaren 150 Jahre hindurch größtentheils Nichtrömer. Zunächstbot ein äußerer Umstand, das Aufkommen der Bühnenspiele,den Anlaß zu ihrer Thätigkeit, weshalb auch die späteste Fruchtder dichterischen Entwickelung, das Drama, im Anfang derneuen geistigen Bewegung Roms stand. Ihm schloß sich balddas Kunstepos an.
S77)