V Ueber die Volksdichtung -er Römer. Von Lucia» Wueller in St. Petersbilrg. Hamburg. Verlagsanstalt uno Druckerei A.-G. (vormals I. F. Richter). 1891. Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen wird Vorbehalten Druck der Verlagsanstalt und Druckerei Actieu-Gesellschaf (vormals F. F. Richter) in Hamburg, ^er folgende Vortrag bildet gleichsam dw^inlestung des^J". vor kurzem in dieser Sammlung (N. F. 4. Serie,'-^r. - öffentlichten „Die Entstehung der römischen KunstdichtunZ^7"den ich zu vergleichen bitte. Wie bekannt, hat sich seit hundert Jahren, zuerst in Deutschland, von da auch in den meisten übrigen Ländern Europas die Gunst des gebildeten Publikums ebenso sehr den griechischen Klassikern zugekehrt, als sie sich von den römischen abwandte. Während bis dahin Cicero als das Ideal eines Redners, Virgil als das Muster eines Dichters galt, noch ein Lessing für Horaz die reinste, jeden Zweifels bare Bewunderung hegte, ging diese Verehrung immer mehr in Kälte, ja Geringschätzung über, seitdem eindringlicheres, auch nicht bloß auf Philologen beschränktes Studium die Originalität, Fülle, Kunstfertigkeit der Lehrmeister Roms, der Griechen, weiten Kreisen bekannt und verständlich gemacht hatte. So verfielen nicht Wenige aus einem Extrem in das andere, und vergessend des Dankes, welcher den römischen Schriftstellern gebührt, theils wegen ihrer eigenthümlichen Vorzüge, theils deshalb, weil sie durch ihre Nachahmung der Griechen als Vermittler und Wegweiser dastehen zwischen diesen und der neueren Zeit, war man vielfach geneigt, ihnen allen selbstständigen Werth abzusprechen, ja überhaupt das Volk des Sammlung. N. F. VI. 130. 1'* (355) Romulus für halbe Barbaren auszugeben, nicht viel besser als die Mongolen und Tartaren, die wohl im Zerstören fremder Kulturen, aber nicht in der Aufrichtung eigener Fertigkeit gezeigt haben. Besonders erstreckte sich jenes absprechende Urtheil auf die Poesie, trotzdem daß diese auf die Litteratur der Neueren viel mehr Einfluß geübt hat als die Prosa. Es läßt sich nun auch nicht leugnen, daß gerade auf jenem Gebiete die mehr verstandesmäßig und praktisch angelegten Römer merklich hinter ihren griechischen Vorbildern zurückstehen und ihre Werke deshalb dem Geschmack des letzten Jahrhunderts, das Originalität und Schwungkraft am Dichter höher schätzt als Nachahmung fremder Muster, mag sie auch mit Geist, Geschmack und Freisinn betrieben werden, weniger Zusagen müssen. Gleichwohl ist auch hier die Verkleinerung viel zu weit gegangen. — Wenngleich nun in den letzten Jahrzehnten sich eine verständige Reaktion angekündigt hat, die, ohne der Griechen hohen Ruhm zu schmälern, auch den Römern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen bereit ist, so fehlt doch noch viel, daß jenes ungünstige Vorurtheil gänzlich überwunden wäre. Es hat sogar nicht an Leuten gemangelt, welche meinten, daß die Römer überhaupt keine Poesie besessen hätten vor der nach Beendigung des ersten finnischen Krieges durch Livius Andronicus begonnenen und bald durch die Autorität des Ennius für alle spätere Zeit geheiligten Nachahmung der Griechen. Dafür sollte -als Beweis der Umstand dienen, daß die im Latein gebräuchlichste Bezeichnung des Dichters („poeta") griechischen Ursprungs ist. — Dies beweist freilich nicht mehr, als wenn man meinte, die Slaven und Germanen hätten vor ihrer Bekehrung zum Christenthum der Poesie ermangelt, weil im Russischen der Vers mit griechischem Namen „stielt heißt, im Deutschen die Worte „Vers", „dichten", „Dichter" aus dem 9 Lateinischen entlehnt sind. — Es ist nämlich ein allgemeines Gesetz, daß wenn ein rohes Volk, so zu sagen, in die Schule geht bei einem gebildeten, es von diesem die technischen Ausdrücke in Litteratur, Kunst und Wissenschaft übernimm:. — So haben diese die Römer den Griechen entlehnt, wie den Römern das übrige Europa. Leugnen läßt sich allerdings nicht, daß die Bewohner Latiums weder an poetischer Begabung, noch an Neigung zur Poesie den Griechen gleichkamen. — In harter Arbeit mit dem zum Theil wenig dankbaren Boden mußten sie ihren Lebensunterhalt finden. Außerdem fehlte ihnen die Anregung, welche den Griechen dank dem Jnselreichthum des ägäischen Meeres und den zahllosen Häfen des Festlandes seit frühen Zeiten die Seefahrt, der Verkehr mit den Völkern des Ostens und Westens brachte. — Roms Geschichte endlich bietet mit dem Ende der Königszeit jahrhundertelang nur das Bild innerer und äußerer Wirren. So ist denn die römische Mythologie dürftig im Vergleich zur griechischen. Die wenigen einheimischen Sagen, die Latium eigenthümlich sind, nicht, was sehr früh begann, unter dem Einfluß der Griechen gebildet, kommen nicht in Betracht gegen die unerschöpfliche Fülle phantastischer Gebilde, wie sie uns in den homerischen Gesängen entgegentritt. Entsprechend dem oben Dargelegten wird man auch begreifen, daß bei den Latinern unmöglich so umfänglich und kunstvoll angelegte Werke entstehen konnten, wie Ilias und Odyssee, mag man diese nun als die Verbindung verschiedener, allmählich zur Einheit zusammengeschmolzener Volkslieder oder, was wenig wahrscheinlich ist, als die Schöpfung eines einzelnen Dichters ansehen. Gleichwohl hat auch in der Brust des latinischen Stammes der Same für Dichtkunst gelegen, wie bei allen für Kultur nicht ganz unempfänglichen Völkern. Wir finden bei den Latinern iW7, 6 seit ältesten Zeiten alle Arten der Dichtung gepflegt. Daß sie sich nicht zur Blüthe entfalteten, wie bei den Griechen, vielmehr stagnirten oder abstarben, hat den Grund in der verschiedenen Begabung und der verschiedenen Entwickelung beider Völker. Denn während bei den Griechen mit Ausnahme Spartas stets der freien Entwickelung jedes Einzelnen ein beträchtlicher Spiel- raum gelassen war, ferner seit dem peloponnesischen Kriege immer mehr das staatliche Leben zurückging, bis sie durch Philipp von Macedonien die Freiheit verloren und endlich ohne eigene Geschichte nur noch als Pioniere der Kultur im römischen Wellreiche fortlebten, entwickelte sich der römische Staat zu beispielloser Macht und Größe, aber freilich unter solchen Mühen und Kämpfen, daß er die Kraft und das Streben der Bürger fast ganz absorbirte, ihnen kaum Zeit zur Bestellung ihrer häuslichen Angelegenheiten ließ, geschweige zu den Werken der Musen. Darüber werden wir noch später einige Worte sagen. — Nunmehr wollen wir uns mit den ältesten, bis zum Ende des ersten punischen Krieges, also ohne nennenswerthen Einfluß der Griechen, in Latium kultivirten Dichtungsarten befassen. Wir schicken voraus die Bemerkung, daß es sich im Folgenden durchaus nur um kleinere Gedichte handelt. Ein größeres, einheitlich gestaltetes Kunstwerk hat die römische Vorzeit nicht geschaffen. Wie bekannt, zerfällt die Poesie in epische, lyrische, drama- matische. Den Stoffen nach ist sie entweder religiösen oder weltlichen Inhalts. Mau darf annehmen, daß all diese verschiedenen Arten, seit sich die Menschheit zu den ersten Anfängen höherer Kultur emporgearbeitet hatte, gleichmäßig bestanden. Aber wie das Beispiel der griechischen Poesie zeigt, der einzigen, die sich ganz naturgemäß ohne fremde Einwirkung, voll entwickelt hat, gelangt zuerst zur künstlerischen Vollendung das Epos, welches objektiv die l3L8) Geschicke der Götter und Könige, sowie die Thaten oder Leiden des gesamten Volkes verherrlicht, dann die Lyrik, welche den Empfindungen verschiedener Gruppen, wie sie Geschlecht, Alter, Neigung und Stand in der menschlichen Gesellschaft entwickeln, zuletzt sogar jedes Individuums, so zu sagen, ihr Recht gewährt, das subjektive Gefühl zum Ausdruck bringt, endlich das Drama, welches wieder die Interessen des Einzelnen mit denen des Staates und der Gesellschaft zu versöhnen und auszugleichen sucht, an Beispielen von Befolgung oder Verletzung der bestehenden göttlichen und weltlichen Gesetze und Bräuche Rechte und Pflichten des Bürgers darlegt, und so, gleich dem Epos, an das ganze Volk appellirt. Entsprechend der Tradition, daß die Poesie ein unmittelbares Geschenk der Gottheit sei, bestimmt, die Menschen aus dem thierischen Zustand zur Bildung und Gesittung überzuführen, hießen bei den ältesten Römern die Dichter religiöser Gesänge und sonstiger Lieder von höherem Schwünge „vates", d. h. „Propheten". Wie die Verfasser anderer Dichtungen genannt wurden, ist unbekannt; vielleicht, als wandernde Sänger, „spatiatorss" oder, nach der unten erwähnten Dichtungsart, ;fts80Muiui". — Wie bei allen rohen Völkern, war ursprünglich bei den Römern die Poesie von Gesang und Musik unzertrennlich. Deshalb hieß die Beschirmerin der Dichtkunst „Oaiusua" (ursprünglich „Oamusua", von „oausrs", „singen"); wie auch die alte Göttin der Weissagung „Oariusutis" genannt wurde. Das einzige musikalische Instrument der Römer war lange die Flöte; später nahm man von den Griechen die Zither und Lyra an. — Mit dem Gesänge waren oft Tänze und rhythmische Körperbewegungen verbunden. Sicherlich spielten bei einem so frommen, mit peinlicher Sorgfalt die gottesdienstlichen Zeremonien wahrenden Volke die religiösen Dichtungen eine große Rolle. Doch ist von diesen iSSSl viel zu wenig erhalten, als daß wir über ihren Inhalt im Klaren wären. Ohne Zweifel hatte jede vom Staat verehrte Gottheit auch ihre Lieder und Gebete, die bei bestimmten Festtagen, oder wo es sonst galt Segen zu erflehen oder Unheil abzuwehren, von den Priestern und den sonst Betheiligten vorgetragen wurden. Doch kennen wir nur wenige Einzelheiten. Uralt, nach Varro das älteste Denkmal römischer Dichtung, waren die Gesänge der Salier, deren Ursprung zugleich mit dem Kollegium selbst auf den fabelhaften König Numa zurückgeführt wurde. Ihre Anzahl betrug ursprünglich, entsprechend der Zahl der Hauptgötter, zwölf, wurde aber später verdoppelt. Man erlas sie aus älteren und jüngeren Mitgliedern der vornehmen Gesellschaft. — Der Name „salii" bedeutet Tänzer. Genannt sind sie davon, daß sie bei festlichen Gelegenheiten, besonders im März, dem Monat des Frühlings und alten Jahresanfangs der Latiner, in phantastischem Aufzuge tanzend und singend durch die Stadt zogen. — Denn die Abneigung der Römer gegen den Tanz von Männern (bekannt ist ihr Sprichwort: „niemand tanzt nüchtern") galt nicht für religiöse Feierlichkeiten. — Die Tänze waren begleitet von Liedern. Das berühmteste von diesen verkündete das Lob der zwölf Hauptgötter („äi oovssntsg") des römischen Volkes, vor allem des Mars, des uralten Sonnen- und Frühlingsgottes, den die spätere Sage zum Gott des Krieges und Stammvater der Römer machte. Auch der Helden der Vorzeit ward gedacht, namentlich des Romulus und Remus. Am Schluffe ward verherrlicht Mamurius, eigentlich wohl nur ein anderer Name für Mars (der auch Mamers, Mavors hieß), nach der Sage jedoch der Schmied der elf Schilde („anoilia"), welche nach dem Muster eines angeblich vom Himmel gefallenen gefertigt waren. An diesem sollte nämlich das Heil des Reiches hängen, und um 9 die Menge zu beruhigen, falls dasselbe verloren ginge, hatte nach der Ueberliefernng König Numa jene Kopien Herstellen lassen, die zugleich mit dem echten von den Saliern verwahrt und bei ihren Festziigen durch die Stadt getragen wurden. — In anderen Gesängen spielten ohne Zweifel Bitten, Gelübde oder Danksagungen die Hauptrolle. Die Lieder der Salier galten, wie schon bemerkt, als die ältesten Denkmale römischer Poesie. Doch waren sie schon am Ende der Republik (vermuthlich selbst viel früher) den Laien, großentheils wohl auch den Priestern unverständlich. Deshalb wurden von den Gelehrten mehrfach Kommentare zu ihnen verfaßt. Die erhaltenen Bruchstücke kommen nur für den Sprachforscher in Betracht, nicht in ästhetischer Hinsicht, da wegen ihrer Geringfügigkeit und Dunkelheit ein Urtheil über ihren poetischen Werth nicht möglich ist. Das Kollegium der Salier war hochgeehrt bis in die späte Kaiserzeit. Ihre Lieder wurden noch gesungen bis ins dritte Jahrhundert nach Ehr. Es galt für eine besondere Ehre, wenn die Namen von Kaisern oder Prinzen des Kaiserlichen Hauses den Namen der in den Liedern angerufenen Götter angereiht wurden, wie dies z. B. dem Augnstus widerfuhr. — Den Schluß der Zeremonien bildeten Gelage, die wegen ihrer Opulenz sprichwörtlich waren, wie überhaupt die römischen Priester einen guten Tisch liebten. Minder angesehen, doch ebenso aus vornehmen Kreisen erwählt war das Kollegium der „tratrss arvalos", angeblich schon von Romulus gestiftet, welches gleichfalls, wie ursprünglich die Salier, zwölf Mitglieder umfaßte. Sie hielten vornehmlich im Mai ihre Festlichkeiten mit Tanz und Sang ab, indem sie außer andern Zeremonien im Hain der nur aus ihren Ver- Handlungen bekannten cksn äin, ohne Zweifel einer Schirmerin (3sr> der Felder und Fluren, wie Ceres oder Ops, Gedeihen der Aecker, sonst aber auch gelegentlich von andern Gottheiten alles Mögliche erflehten. In der Kaiserzeit betheiligten sie sich, gleich den Saliern, eifrig an den Ovationen für das kaiserliche Haus. — Von ihren Verhandlungen sind in Rom sehr bedeutende Ueberreste aufgefunden worden, die sich vom Jahre 14 n. Chr. bis ins dritte Jahrhundert erstrecken. — Besonders berühmt ist ein uraltes, aber erst auf einer Inschrift des Jahres 218 n. Chr. erhaltenes Gedicht von 5 je dreimal gesungenen Zeilen, das Anrufungen der Laren, des Mars und der „ssruuuss" (etwa den Heroen der Griechen vergleichbar) enthält, mit der Bitte um Abwendung einer Seuche. Den Schluß macht die fünfmal wiederholte Interjektion „triuiuxo". , Das Gedicht ist merkwürdig, weil es sichere Spuren des ältesten Versmaßes der Römer, des saturnischen, von dem noch nachher zu sprechen sein wird, enthält. Durch die Unkenntniß des ältesten Lateins jedoch, wie sie in der Kaiserzeit herrschte, und die Nachlässigkeit des Steinmetzen ist es so verderbt auf uns gekommen, daß es nur zum Theil verständlich ist. Außer den seit alter Zeit bestehenden Festlichkeiten und Zeremonien religiöser Art wurden oft bei außergewöhnlichen Anlässen Feierlichkeiten veranstaltet und Hymnen zur Ehre der Götter gesungen, die dann im Aufträge des Senates irgend ein Dichter verfaßte, so z. B. gegen Ende des zweiten finnischen Krieges der älteste Nachahmer der Griechen, Livius Andronicus. Bei einem so abergläubischem Volk wie die alten Römer hatten natürlich auch Propheten („vatssZ jeder Art ein dankbares Handwerk. — Selbst der Staat und die Behörden benutzten ihre Weissagungen häufig. — Nicht gehören jedoch hierher die uralten sibyllinischen Bücher, da sie griechisch und in Hexametern abgefaßt waren. Der Schutzgott der einheimischen Propheten war Fannus, 11 der Beherrscher der Wälder und Fluren. — Von ihm begeistert, hatten viele Sänger jahrhundertelang den Söhnen Latiums das Dunkel der Zukunft erhellt. Doch sind ihre Namen fast sämtlich verschollen. — Nur die Brüder Marcins heben sich ans dieser Schar hervor. Sie waren aus vornehmem Geschlecht; ihr Zeitalter ist unbekannt. Doch steht fest, daß sie vor dem zweiten finnischen Kriege lebten, in welchem ihre Weissagungen zu Ehren kamen und sogar der Senat infolge derselben Spiele zu Ehren des Apollo einsetzte. Ohne Zweifel wurde ihnen damals manches untergeschoben, wie überhaupt in jenen für Rom so kritischen Zeiten alle Arten frommen Betruges blühten. — Erhalten sind in prosaischer Umschreibung zwei ihnen zugeschriebene Orakel, von denen das eine sich auf die Schlacht bei Cannä bezieht, deren unglücklichen Ausgang es voraussagt, während das andere empfiehlt zur Vertreibung der Punier dem Apollo Spiele zu geloben. Doch sind beide in so freier, zumal sprachlich ganz uni gearbeiteter Form überliefert, daß eine Herstellung des Originals unmöglich ist. Die Alten erwähnen bald zweier Marcier, bald eines, der wohl der berühmtere war. Dem einen von ihnen ward auch eine Spruchsammlung zugeschrieben, mit der des Appius Claudius (um 300) ein erster Anfang römischer Kunstdichtnng. Bei Besprechung der ältesten römischen Orakel kommen nicht in Betracht die fälschlich sogenannten „sorts.? UrasEtinas«, d. h. eine Auswahl Weissagungen, an verschiedenen Orten Latiums zu verschiedenen Zeiten gespendet, doch wohl sämtlich vor Ehr. Geburt verfaßt, die man früher für saturnisch hielt, während die neuere Kritik in ihnen das Versmaß der griechischen Orakel, daktylische Hexameter, freilich sehr schlechte, oft fehlerhafte, erkannt hat. — Danach können auch die Kältesten kaum vor dem Tode des,Ennius, der zuerst diesen Vers bei den Römern < 363 > einführte (f 168), verfaßt sein; sie bedürfen also hier keiner Besprechung. Oft wurden auch Weihgeschenke, zur Erfüllung eingegangener Gelübde dargebracht, mit poetischen Widmungen versehen. Als Probe des Stils derselben mag eine Inschrift dienen, die allerdings erst ans dem zweiten Jahrhundert v. Chr. stammt: „Was bang der Vater gelobte, als sein Glück schlimm geschädigt war, das bringen in Erfüllung des Gelübdes, den Zehnten als Opfer weihend, die Kinder gern dem Herkules dar, der dies wohl verdient hat. Zugleich flehen sie, daß du sie oft zum Darbringen des Gelobten veranlassest." Seit alter Zeit waren ferner in Italien beliebt Hexenkünste, Beschwörungen, Verfluchungen. — So sind denn auch uralt bei den Römern Zauberlieder u. dergl. — Schon in dem Gesetzbuch der zwölf Tafeln ward mit Strafe bedroht, wer die Ernte seines Nachbars durch ein Lied auf den eigenen Acker überführte. — Es haben sich einzelne solcher Formeln erhalten, die aber theil- weise unverständlich sind. Hier möge erwähnt werden ein von Varro überlieferter Spruch, den man nach seiner Anweisung bei Fnßleiden, ohne etwas vorher genossen zu haben, 27 mal absingen, dabei die Erde berühren und ausspeien sollte: „Die Erde soll das Unheil empfangen, hier soll das Hel bleiben!" Die Ueberreste der religiösen Poesie sind zu unbedeutend, als daß man über diese ein erschöpfendes Urtheil fällen könnte Ohne Zweifel hatte sie die Grandezza und Feierlichkeit, welche theils der Natur des Gegenstandes, theils dem Charakter des römischen Volkes und der lateinischen Sprache zukam. Von großen künstlerischen Leistungen konnte in ihr keine Rede sein Dies verhinderte theils die Roheit der Zeiten, theils der Umstand, daß sie sich vielfach in festen, seit langem geheiligten Ausdrücken bewegte, die man, schon aus religiöser Scheu, nicht 13 zu ändern wagte, selbst wenn man sie nicht mehr verstand. Uebrigens waren die Formeln, die man bei feierlichen Anlässen anwandte, keineswegs immer, wie manche geglaubt haben, in Versen. Wie das Beispiel anderer Völker zeigt und noch mehr die minder poetisch angelegte Natur des römischen Volkes glaublich mgcht, waren sie vielmehr überwiegend prosaisch abgefaßt, was um so weniger zu verwundern, als sie meist kurz waren und sich deshalb auch ohne das Hülfsmittel eines bestimmten Metrums leicht dem Gedächtniß einprägten. — Man hat dies verkannt und mit gleichem Unbedacht sogar angenommen, daß auch alle möglichen Schriftstücke des ältesten Roms, wie z. B. das Gesetzbuch der zwölf Tafeln, ja sogar Inschriften der Meilensteine in poetischer Bearbeitung existirt hätten. — Was erfindet nicht zuweilen die Phantasie grübelnder Philologen! Wir gehen nun zu der weltlichen Poesie der Römer über. Man sollte wohl annehmen, daß bei diesem ebenso that- kräftigen, als ruhmbegierigen Volke vor allem das Epos gepflegt sei. In der That haben viele Gelehrte nach dem Vorgang Niebuhrs vermuthet, daß die Entstellungen, Uebertreibungen und Widersprüche, an denen die älteste römische Geschichte leidet, umfangreichen Epen der ältesten Zeit den Ursprung verdanken. Doch ist diese Ansicht heute gänzlich verlassen. Auch spricht nichts für solche Epen, selbst abgesehen von dem Schweigen der Alten über derartige Dichtungen. Zwar sind, wie selbstverständlich, in der ältesten Geschichte Roms viel sagenhafte Elemente, doch haben zu ihrer Gestaltung weit mehr Kombination, Rhetorik, Neigung zur anschaulichen Charakteristik der Helden und Staatsmänner, endlich Nachahmung der Griechen beigetragen als die heimische Dichtung. Allerdings gab es bei den Römern Lieder zum Lobe der Ahnen. Solche wurden vornehmlich bei Tische gesungen, theils von den Gästen selbst, wie bei den Griechen, theils von ihren ( 365 ) I- - i 14 Söhnen. — Sie mögen zum Theil Improvisationen des Augenblicks gewesen sein, wie die Skolien der Griechen, weit öfter jedoch Wiederholungen älterer, allbekannter Gesänge. — So werden Lieder zum Lob des Romulus und Remus, wie des Coriolanus erwähnt. Und gewiß ward noch mancher König oder Kriegsheld der fabelhaften Vorzeit in gleicher Weise verherrlicht. Allein nichts deutet an, daß jemals sich ein Mann gefunden hätte, der solche wenig umfangreichen Produkte zu irgend einer Einheit, wie sie in den homerischen Gedichten erscheint, verbunden, geschweige daß Kunstdichter aus den vorhandenen Sagen eigene Epen gestaltet hätten. — Uebrigens hörte der Gebrauch an der Tafel das Lob der Vorfahren zu verkünden, bereits viele Menschenalter vor dem Ende der finnischen Kriege auf. Dagegen blieb die gleichfalls uralte Sitte bei Leichenbegängnissen die Thaten und Eigenschaften des Verstorbenen gebührend zu preisen. Es war bei den Römern seit früher Zeit Brauch die Verdienste angesehener Männer (später auch Frauen) durch Leichenreden zu verherrlichen. Ferner bestand die Gewohnheit, daß gedungene Weiber die Todtenklage („ng.6uiaZ unter Begleitung der Flöte, später auch der Zither anstimmten, die Führerin der Schar aber, die sogen, „praotiea", ein Loblied zu Ehren des Verstorbenen sang. War der Leichnam in die Gruft gesenkt, so ward ihm oft eine ehrende Grabschrift, in Prosa oder Versen, zu theil. Ein günstiges Geschick hat es gefügt, daß wir mehrere solcher Denkmäler aus älterer Zeit besitzen. — Es sind dies die in dem Grabmal der Scipionen entdeckten fünf Elogien hervorragender Männer jenes Hauses. Die älteste Inschrift mag bald nach dem Jahre 250 v. Ehr. Geb. verfaßt sein, die jüngste etwa hundert Jahre später. — Die vier ersten sind in dem nationalen < 860 ) 15 Metrum, dem saturnischen verfaßt, die jüngste in elegischen Distichen. Offenbar zeigt sich bei dieser der Einfluß des den Scipionen befreundeten Dichters Ennius, der zuerst dies den Griechen entlehnte Metrum anwendete. — Die Inschriften sind ziemlich gut erhalten, leider aber stammen sie nicht sämtlich von kundigen Verfassern. Es gab nämlich im Alterthum, wie jetzt, Leute, die für Geld Gelegenheitsgedichte anfertigten, ohne genügende Kenntniß der Sprache und Metrik, während die Kunstdichter sich meist zu.gut hielten für Lohn zu arbeiten. Daher sind so viele alte Inschriften fehlerhaft in Versbau und Prosodie. — Wir geben hier einige Proben, da sie besser als viele Worte den altrömischen Geist, der alles dem Staat und Ruhm opferte, charakterisireu. So lautet die Grabschrift des Lucius Cornelius Scipio (Konsul im Jahre 259): „Es stimmt überein der Römer große Mehrzahl, daß dieser vor Allen der beste Mann unter den Guten war, Lucius Scipio, der Sohn des Barbatus. Er war Konsul, Zensor, Aedil bei euch. Er nahm Corsica und die Stadt Aleria. Den Stürmen weihte er nach Verdienst einen Tempel." Daß der Anfang dieses Gedichtes nicht Eigenthum des Verfassers war, sondern eine damals auf Grabschriften allgemein verbreitete Formel, zeigt das von Cicero bewahrte Elogium des jenem Scipio gleichzeitigen Aulus Atilius Calatinus: „Es stimmt überein der Völker große Mehrzahl, daß er vor Allen der erste Mann der Römer war." Auf dem Sarge eines anderen Lucius Cornelius Scipio, der im Jahre 298 Konsul war, lautet die etwas jüngere Inschrift: „Cornelius Lucius Scipio Barbatus, der Sohn des Vaters Gnaevus, ein tapferer und kluger Mann; der Konsul, Censor, Aedil bei euch war, Taurasia, Cisauna, Samnium nahm, ganz Lucanien bezwang und Geiseln heiniführte." ( 367 ) 16 Von einem allzufrüh Verstorbenen meldet der Nachruf: „Der du den Apex (eine turbanartige Kopfbedeckung), den Schmuck des Flamen Dialis getragen hast, dein Tod bewirkte, daß alles kurzstundig war, Ehre, Ruf und Tugend, Ruhm und Begabung. Hattest du dies in langem Leben nutzen dürfen, so hättest du leicht durch Thaten den Ruhm der Vorfahren übertroffen. Deshalb nimmt dich gern in ihren Schoß auf die Erde, Publius Cornelius Scipio, Sohn des Publius." So heißt es in der vierten Inschrift von einem gleichfalls früh Verstorbenen: „Dem das Leben gebrach, nicht die Ehre zur Blüthe, der liegt hier im Grabe, der nie an Tugend übertroffen wurde/' Gleich kurz und treffend, ebenfalls in epischem Charakter gehalten, lauteten die poetischen Inschriften, welche die Feldherrn, denen die höchste Ehre eines römischen Kriegers, ein Triumph, zu theil geworden war, nach vollendetem Festzug auf dem Kapitol dem Jupiter oder anderen Göttern darbrachten. So hieß es in einer derselben: „Er warf nieder, verjagte, vernichtete die mächtigen Scharen des Feindes." Ueber dem Eingung des Tempels der Meeresgeister, der im Jahre 179 zur Erinnerung an einen im Kriege mit Antiochus dem Großen erfochtenen Seesteg errichtet wurde, kündete eine Inschrift, daß die Römer, „um den großen Krieg zu enden und die Könige zu bewältigen", die Flotte der Feinde im Angesicht des Königs Antiochus und seines ganzen Heeres besiegt, niedergeworfen, zermalmt, verjagt hätten. Das Gegenstück zu diesen prunkvollen Selbstzeugnissen bildeten die schlichten Verse, welche die den Triumph begleitenden Soldaten sangen, oft zum Lobe der Feldherren, noch öfter aber, um ihn zu höhnen. Theils geschah dies, um der ( 368 ) 17 den Römern wie allen Italienern eigenen Freude an Spott und Schimpf zu fröhnen, theils um den Triumphator zu erinnern, daß auch er ein Mensch sei und nicht übermüthig werden solle, besonders aber weil sie häufig mit Recht oder Unrecht meinten, von dem Anführer bei Vertheilnng der Beute verkürzt oder sonst schlecht behandelt zu sein. Diese uralte Sitte blieb bis in die Kaiserzeit. Aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. sind uns mehrere Spottlieder dieser Art erhalten, die an Schärfe nichts zu wünschen lassen. Sie können als Beispiel für die älteren, verlorenen dienen. Bei einem Triumph Cäsars sangen die Soldaten: „Bürger, wahret eure Frauen; wir bringen einen kahlen Wüstling. In Gallien hast du das Geld verhurt; hier hast du es auf Borg genommen." — Bekanntlich hatte Cäsar frühzeitig sein Haar verloren. — Auch behaupteten seine Feinde, daß er nur, um seinen Gläubigern zu entgehen, die Eroberung Galliens unternommen habe. Von anderen militärischen Liedern ist nichts bekannt, obwohl solche unmöglich gefehlt haben können. Auch sonst liebten die Römer seit ältester Zeit ihrem Groll gegen hochgestellte Männer durch Gassenhauer Luft zu machen, die, wie das Beispiel Pompejis und Hercnlanums zeigt, mit flüchtigem Griffel oder auch Pinsel an die Mauern der Häuser geschrieben wurden und so ihre Runde "durch die Bürgerschaft machten. — Wir haben noch eine Menge solcher Pasquille, freilich meist aus der Kaiserzeit, wo die Beschränkung der Redefreiheit viele anonyme oder pseudonyme Publikationen hervorrief. — Noch im vierten Jahrhundert n. Chr. versiegte den Römern nicht der Witz. Als Constantia der Große seinen Sohn Crispus, später seine Gattin Fausta hatte hinrichten lassen, schrieb ein vornehmer Mann, Ablavius, an die Thür des kaiserlichen Palastes: Sammlung. N. F. VI. IM. ^ <36S) 18 „Wer vermißt noch des Saturnus goldene Zeiten? Die unseren sind gar von Edelstein, doch von deni des Nero." Es war eine häufige Schmeichelei zur Zeit der Kaiser, das goldene Jahrhundert sei zurückgekehrt. — Ablavius meint, die Gegenwart gleiche sogar einem Edelstein, aber freilich dem nach Nero, dem Mutter- und Brudermörder benannten. Die Thätigkeit der ältesten Römer war noch weit mehr als die der Griechen in ihrer Blüthezeit vornehmlich dem Staat gewidmet. Aber auch das Privatleben behauptet seine Rechte. Betrachten wir nun die Dichtungen, die auf dieses Bezug hatten. Zunächst versteht es sich von selbst, daß solche Lieder den Römern nicht fehlten, deren Existenz so zu sagen in der Natur der einzelnen Menschen, sowie der menschlichen Familie begründet ist. — So wissen wir sicher, daß es Trinklieder gab. Und bedarf es eines Zeugnisses für Liebeslieder? Die geschlechtliche Neigung ist ja das Gefühl, das sich am wenigsten in den konventionellen Fesseln der alltäglichen Prosa zu halten weiß. Immerhin darf man annehmen, daß auch in den römischen Trink- und Liebesliedern, entsprechend dem Charakter des Volks, das realistische Element auf Kosten des idealistischen beträchtlich vorgewogen hat. Ebenso gab es natürlich Gesänge, um Kiuder einzuschläfern oder zu beruhigen und willig zu machen. Ebensolche werden erwähnt für die Kinderspiele. Von diesen haben wir noch einige Beispiele, freilich aus späterer Zeit. So hieß es bei einem Spiel, das den Sieger zum König machte (auch die Vorsitzer bei Gelagen hießen Könige): „König wird, wer recht thut, wer nicht recht thut, wird es nicht." Bei einem Wettlauf rief der Leiter des Spieles: „Die Krätze soll kriegen, wer zuletzt zu mir kommt." Wie bekannt, war bei den Römern der ältesten Zeit, bis Mo) 19 zum ersten finnischen Kriege, durchaus der Ackerbau die Grundlage ihres gesamten Lebens; der Ackerbau und was sich an ihn anschloß, bildete neben den politischen Interessen säst die einzige Beschäftigung des Bürgers in Zeiten des Friedens. So hat es denn auch nicht an Liedern der Bauern und Hirten gefehlt, die freilich wohl zum größten Theil dem Gebiete der religiösen Dichtungen, der Zauber- und Beschwörungsformeln u. dgl. angehört haben. In dem mühsamen Beruf des Landmanns giebt es einen Lichtpunkt: die Ernte; in Italien außerdem die Weinlese. — Bei dieser Gelegenheit vergaß der von harter Arbeit zur Erwerbung des täglichen Brotes geplagte, dazu so oft von inneren Wirren oder Kriegen mit den Nachbarn in Anspruch genommene Römer den Kampf um das Dasein, und die angeborene italienische Fröhlichkeit trug den Sieg davon über den Ernst und die Würde („Mrrvit,a.8"), die sonst als wichtigste Eigenschaft jedes Römers galten. — Diesen ländlichen Festen vornehmlich verdankt bei den Römern wie bei den Griechen das Drama seinen Ursprung. Denn die südliche Lebendigkeit begnügt sich nicht, wie meist der Nordländer, in geschlossenen Räumen und einzeln oder in kleinem Kreise sich des Lebens zu freuen. Man zieht am liebsten in dichten Haufen mit möglichst großem Lärm und Gepränge durch die Straßen, und so entsteht von selbst Tanz, Gesang in Chören und Wechselrede. Diesem Getreide kommt zu statten das milde Klima. Aus solchen Anfängen entwickelte sich in Attika neben der Komödie die höchste Gattung der Poesie — die Tragödie; in Rom fand mehr Scherz und Schimpf eine Stätte, wozu, neben der italienischen Spottlust und der Neigung einmal gründlich den meist sehr schweren Druck des Lebens zu vergessen, die bei jenen Gelegenheiten unbeschränkte Redefreiheit, ferner die dabei üblichen Maskeraden gleichsam einluden. 2 * ( 371 , So entstanden die drei ältesten Arten des römischen Dramas, wohl zu scheiden von den seit dem Jahre 240 durch Livius Andronicus eingeführten Nachahmungen der Griechen: Satire, Fescenninus, Atellana.. Ueber das Wesen der Satire kursiren noch heute viel irrige Meinungen, was nicht zu verwundern, da selbst die Alten darüber viel Unklares oder Falsches berichten. — Meist wurde die „satui-a« von dem griechischen abgeleitet. Danach sollte diese Dichtungsart, die angeblich von den üppigen und überm üthigen Begleitern des Bacchus ihren Namen hatte, ganz dem Scherz, Spott und Muthwillen gewidmet sein, ähnlich dem satyrischen Drama der Griechen. Allein dem widerspricht zunächst der Umstand, daß dergleichen Stoffe unzweifelhaft die Domäne der Fescenninen waren, ferner die Thatsache, daß die Satiren des Ennius, des ältesten Vertreters dieser Dichtung, von dem wir genaueres wissen, nach den Fragmenten zu urtheilen, mindestens eben so oft Ernstes, ja Erhabenes, als Komisches oder Alltägliches behandelten. — Deshalb ist ohne Zweifel vorzuziehen die gleichfalls altüberlieferte Ableitung des Wortes „satura." von „satur" — „reich", „mannigfaltig", „vollgepfropft mit allen möglichen Dingen". Danach sind „saturas" Gedichte buntesten Inhalts, wie er den mannigfachen Bildern alltäglichen Lebens, aus dem sie in echt römischer Weise ihre Stoffe schöpften, entspricht; auch wohl solcher, in denen, wie in einem Potpourri, die verschiedensten, selbst entgegengesetzte, Situationen oder Empfindungen vorgeführt werden. Die Satiren wurden sicher oft in der Form des Gespräches resp. Wechselgesanges aufgeführt, wie sie auch noch bei Ennius vielfach erscheinen; ob dies jedoch stets geschah, läßt sich nicht entscheiden. — Was den Inhalt anlangt, so war derselbe, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, zwar sehr verschieden, doch 21 werden wir nicht irre gehen, wenn wir annehmen, daß die Satire hauptsächlich den Ernst des Lebens vorführte, und deshalb meist in würdigem, zuweilen selbst feierlichem Tone gehalten war. Jedenfalls hatte das, was wir jetzt unter „Satire", „satirisch" verstehen, mit der ältesten Dichtungsart dieses Namens sehr wenig zu schaffen. Erst der römische Ritter Lucilius (180—102 v. Ehr.) verlieh der Satire den Charakter, welchen sie seitdem behalten hat, d. h. er machte sie zu einem Gedicht, welches durch Spott und Tadel die Gebrechen und Fehler des Einzelnen wie der ganzen Gesellschaft zu heben und damit zugleich bessere Zustände des gesellschaftlichen Lebens anzubahuen suchte. — Sein Beispiel ist dann für alle Zeit maßgebend geblieben. Dagegen war dem Scherz und Hohn von Anfang an gewidmet der Fescenninus (ein Wort, dessen Ableitung unbekannt ist). Namentlich wurden bei den Lustbarkeiten der Ernte und Weinlese (wie bei anderen Gelegenheiten) übelberüchtigte Personen oft von Einzelnen oder ganzen Haufen verhöhnt, wie denn überhaupt die Sitte der Katzenmusiken, wie alle andern Arten der Lynchjustiz, im Altcrthum eben so häufig war, als in der Neuzeit. Die Urheber dieser und ähnlicher Scherze wahrten ihre Anonymität, wie die Darsteller der Atellanen, durch roh aus Rinde geformte Basken. — Doch tändelte lange der entfesselte Uebermuth, wie Horaz sagt, in liebenswürdiger Weise, bis der Unfug allmählich so stark wurde, daß schon in den zwölf Tafeln die Beleidigung mittelst schmähender Gedichte mit Todesstrafe bedräut wurde, die aber selten genug ausgeführt sein mag. — Sicher ist jedoch, daß die Fescennineu allmählich in Verfall und Verruf gerietheu. Zu Ciceros Zeit und später wurden nur noch Hochzeitslieder (Epithalamien) mit diesem Namen bezeichnet. Mit solchen wurde nämlich das ( 373 > 22 Brautpaar vor der Vermählung empfangen, und auch nach der Zeremonie erschallten Sänge zu seiner Ehre, nicht immer besonders feine und züchtige. — Noch von dem genialsten Dichter der nachklassischen Zeit, Claudianus, sind kurz vor dem Zusammenbruch des Römerreichs „Fescenninen" verfaßt zur Vermählung des Kaisers Honorius mit Maria, der Tochter seines Vormunds Stilicho, von denen der letzte trotz alles Wandels der Jahrhunderte und Sitten, trotz Hofetiquette und Christenthum lebhaft an den Muthwilleu und Uebermuth erinnert, der in Catulls Gedicht auf die Hochzeit des Manlius und der Vinia sein Wesen treibt. Am besten sind wir über die dritte Art des altrömischen Dramas unterrichtet: die At'ellane, nur daß deren Name noch heute nicht genügend erklärt ist. Die Alten bezeichnen sie oft als „OsouM luäioruru", als eineSpielgattung, die ausCampauien, dem Sitz der ausgelassenen und sittenlosen Osker, nach Latium eingewandert sei. Ja, der Geograph Strabo, in Sachen der römischen Litteratur freilich eben so unzuverlässig wie alle anderen Griechen, behauptet, es würden noch in seiner Zeit (um 15 n. Ehr.) Stücke in oskischer Mundart in Rom aufgeführt. — Allein solches ist überhaupt nie geschehen, am wenigsten damals, wo diese sogar in ihrer Heimath erloschen war. — Der Inhalt der Atellanen war, ähnlich wie bei den Fescenninen, hahnebüchen, burlesk, gemein, oft bis zur Unfläthig- keit. Doch scheint in denselben mehr das persönliche Element des Spottes und Schimpfes zurückgetreten zu sein, und dies möchte der Unterschied zwischen den beiden Dichtungsarten sein. — Entsprechend jener Besonderheit war es, daß in der Atellane wie im Volkslustspiel des neueren Italiens stehende Charaktermasken wiederkehrten, besonders der Maccus, unserm Hanswurst oder Harlequin vergleichbar, der Bucco (von „bnoos,", dem volksthümlichen Ausdruck für Mund), ein Parasit, ebenso < 374 ) 23 freßlustig wie redselig, Pappus ein geschwätziger und vertrauensseliger Alter, endlich der Dossennus, (von „äorsuur", Rücken), wahrscheinlich ein buckeliger Jndustrieritter und Intrigant, der zugleich von Weisheit überfloß, der „änttvrs" der modernen italienischen Komödie. Sonst war der Inhalt dem Alltagsleben, ländlichem oder städtischem, wie es sich in den unteren Kreisen der Gesellschaft abspiegelt, entlehnt und entsprechend derb, ja grotesk behandelt. Alles dies aber läßt im Ungewissen die Erklärung des Namens „Atellana"; denn die oben geschilderten Eigenheiten dieser Dichtuugsart stimmen ebenso zum latinischen wie zum kampa- nischen Volkscharakter. Außerdem war die Atellane seit uralter Zeit in Rom eingebürgert. Für die Sympathien, deren sie genoß, ist bezeichnend der Umstand, daß sie das einzige Bühnenspiel war, das bis zur Zeit des Augustus von Römern ohne Verlust ihres Bürgerrechtes und ohne Rüge seitens der Censoren aufgeführt werden durfte, während alle übrigen Arten, wenigstens seit der neuen Kunstschule des Livius Andronicus (240 v. Ehr.), von Nichtrömern, meistens griechischen Sklaven und Freigelassenen, ausgeführt wurden. Wahrscheinlich ist die Benennung „Atellana" erst späteren Ursprungs. Ob sie aber daher rührt, weil in Atella, der zweiten Stadt Campaniens, dergleichen Possen mit besonderer Fertigkeit gepflegt wurden, oder solche so zum Spott der Atel- laner genannt wurden, sei es von den Campanern, sei es nach Niederwerfung dieses Ortes, der im zweiten panischen Kriege mit Capua zu den Karthagern abgefalleu war und nach seiner Wiedereroberung wie dieses grausam gezüchtigt und seiner städtischen Rechte beraubt wurde, von den Römern (man vergleiche die deutschen „Schildbürgerstreiche", „Krähwinkeleien"), bleibt ungewiß. In die Litteratur eingeführt und dadurch, ebenso wie die ( 375 ) j « '.'I ' l - 24 Satire und der Minus, stark gräcisirt ward die Atellane zu Sullas Zeit von den Dichtern Pomponius und Novius. Doch blieb sie mit dem Mimus bis zur spätesten Kaiserzeit immer das Symbol der Frechheit und Obscönität. Der Mimus kann hier füglich übergangen werden, obwohl er trotz seines griechischen Namens (— Nachahmer, nämlich des Alltagslebens) ohne Zweifel bei den ursprünglichen Bewohnern Italiens ebenso von alters her bestand, wie bei den stammverwandten griechischen Einwanderern. Man verstand unter „mimi" Tausendkünstler („seurrao"), die entweder einzeln oder in Kompagnie herumzogen, um durch gute und schlechte Späße, Zoten, Gesang, Tanz und Gestikulation die Leute zu vergnügen und sich so das Brot zu verdienen; ebenso hieß das Gewerbe „mimus". Oft wurden dieselben auch von reichen Leuten zur Belustigung des Hauses unterhalten, wie später die Hofnarren, um namentlich bei der Tafel ihre Herren zu erheitern. — Ein solcher Wettstreit zweier „sourruo", von Horaz in der Satire „Die Reise nach Brundisium" geschildert, zeigt, wie populär jenes Geschlecht bei den Römern war und wie selbst geistreiche Männer an den ziemlich faden oder hahnebüchenen Scherzen solcher Leute Gefallen fanden. — Da jedoch die künstlerische Ausbildung des Mimus erst in die Zeit Ciceros fiel, so kommt derselbe hier nicht in Betracht. Wir haben gesehen, daß, abgesehen von der Tragödie, es keine Dichtungsart gab, deren Ursprünge ohne jede Nachahmung der Griechen sich nicht auch in Latium Nachweisen ließen. Woher kam es nun, daß trotzdem jene Anfänge nicht zur Blüthe kamen, vielmehr großentheils verkümmerten, das Latein verwilderte, so daß, als Rom seit der Mitte des 5. Jahrhunderts d. St. einen neuen geistigen Aufschwung nahm, die römische Dichtung verachtet war bei den Eingeborenen wie bei den Fremden, die sie bald umgestalteten, da sie von Livius Andronicus MS) 25 und seinen Nachfolgern auf neuen Grundlagen aufgebaut und zugleich die Sprache reformirt ward. Es kann dies nicht an mangelnder Befähigung des latinifchen Stammes liegen. Denn wenn derselbe auch nicht zu den am meisten musisch begabten Mitgliedern der sogenannten indogermanischen Völkerfamilie zählt, so gehört er noch minder zu den am wenigsten begünstigten, steht vielmehr im Gebiete der Dichtung und Kunst, wenn auch nicht produktiv, so doch rezeptiv den engverwandten Griechen am nächsten. Es war der eherne, erbarmenlose Gang der römischen Geschichte seit Vertreibung der Könige, welcher die Poesie theils tödtete, theils im Wachsthum behinderte. Wie die Träger der Weltgeschichte, durch die Staaten begründet, erhöht oder auch zum Abgrund geführt werden, die oft ganzen Völkern oder Epochen den unvertilgbaren Stempel ihrer mächtigen Hand aufdrücken, selten Zeit und Stimmung finden die zarten und milden Eigenschaften der menschlichen Begabung zu Pflegen, so war es bei dem gesamten Römervolke. In den schweren Jahrhunderten, die nach der glänzenden und kunstliebenden Regierung der letzten Könige folgten, fast ohne Unterbrechung von äußeren Kriegen und inneren Zwisten ausgefüllt, erstarb der musische Geist und konnte nicht aus sich selbst, ja zunächst nicht einmal durch Anschluß an die vor allen Völkern poetisch begabten Griechen wieder zu neuem Leben erweckt worden. Die Begründer und Mehrer der seit dem Ende des ersten punischen Krieges in Nachahmung der Griechen entstandenen Dichtungen waren 150 Jahre hindurch größtentheils Nichtrömer. Zunächst bot ein äußerer Umstand, das Aufkommen der Bühnenspiele, den Anlaß zu ihrer Thätigkeit, weshalb auch die späteste Frucht der dichterischen Entwickelung, das Drama, im Anfang der neuen geistigen Bewegung Roms stand. Ihm schloß sich bald das Kunstepos an. S77) 26 Doch über Entstehung und Entwickelung der römischen Knnstdichtung ist in der Einleitung der erwähnten Arbeit ausführlich gehandelt worden. Entsprechend der geringen Pflege, welche die Poesie in den drei ersten Jahrhunderten der Republik zu Rom fand, ist die Thatsache, daß für alle Dichtungsarten ohne Unterschied ein Metrum genügte (wenigstens läßt sich die Benutzung anderer nicht erweisen), nämlich das satnrnische oder faunische. Jenen Namen hatte es (zur Bezeichnung seines grauen Alters) von Saturnus, der, nachdem ihn Jupiter entthront, in Latium geherrscht haben sollte, diesen von dem Gott der Felder und Wälder, Faunus, dem es zur Verkündung seiner Orakel diente. Es war gebaut, wie alle Verse der Römer und Griechen, mit strenger Beobachtung von Länge und Kürze, nur mit gewissen durch die damalige Anssprache des Latein bedingten Modifikationen der Quantitäten, wie solche auch bei den ältesten Dramatikern der Römer sich finden. Während das ursprüngliche Metrum der Griechen naturgemäß daktylisch war, besteht der Saturnier, entsprechend dem Bau der lateinischen Sprache, aus Jamben und Trochäen. Seine ursprüngliche Gestalt zeigt das folgende Schema: So begann die lateinische Odyssee des Livius An- dronicus: Den Mann, den listenreichen, j künde mir, Camene! Allein solche ganz rein gehaltene Verse finden sich nirgends. Zunächst war es erlaubt, überall statt der kurzen Senkung eine lange zu verwenden, wenn dies auch nach dem Einschnitt hinter als Beweis Die Gesetze selbst den Z unklar. Vi sondern für matiker des zu entziffert l nur noch t erwähnt, ildeten, ja oraz völlig n Bietrum, die Gramen Gesetze