Druckschrift 
Ueber die Volksdichtung der Römer
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

21

werden wir nicht irre gehen, wenn wir annehmen, daß dieSatire hauptsächlich den Ernst des Lebens vorführte, und des-halb meist in würdigem, zuweilen selbst feierlichem Tonegehalten war.

Jedenfalls hatte das, was wir jetzt unterSatire",satirisch" verstehen, mit der ältesten Dichtungsart dieses Namenssehr wenig zu schaffen.

Erst der römische Ritter Lucilius (180102 v. Ehr.)verlieh der Satire den Charakter, welchen sie seitdem behaltenhat, d. h. er machte sie zu einem Gedicht, welches durch Spottund Tadel die Gebrechen und Fehler des Einzelnen wie derganzen Gesellschaft zu heben und damit zugleich bessere Zuständedes gesellschaftlichen Lebens anzubahuen suchte. Sein Beispielist dann für alle Zeit maßgebend geblieben.

Dagegen war dem Scherz und Hohn von Anfang angewidmet der Fescenninus (ein Wort, dessen Ableitung unbekanntist). Namentlich wurden bei den Lustbarkeiten der Ernte undWeinlese (wie bei anderen Gelegenheiten) übelberüchtigte Per-sonen oft von Einzelnen oder ganzen Haufen verhöhnt, wiedenn überhaupt die Sitte der Katzenmusiken, wie alle andernArten der Lynchjustiz, im Altcrthum eben so häufig war, alsin der Neuzeit. Die Urheber dieser und ähnlicher Scherzewahrten ihre Anonymität, wie die Darsteller der Atellanen,durch roh aus Rinde geformte Basken. Doch tändeltelange der entfesselte Uebermuth, wie Horaz sagt, in liebens-würdiger Weise, bis der Unfug allmählich so stark wurde, daßschon in den zwölf Tafeln die Beleidigung mittelst schmähenderGedichte mit Todesstrafe bedräut wurde, die aber selten genugausgeführt sein mag. Sicher ist jedoch, daß die Fescennineuallmählich in Verfall und Verruf gerietheu. Zu Ciceros Zeitund später wurden nur noch Hochzeitslieder (Epithalamien) mitdiesem Namen bezeichnet. Mit solchen wurde nämlich das

( 373 >