Druckschrift 
Ueber die Volksdichtung der Römer
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

9

Lateinischen entlehnt sind. Es ist nämlich ein allgemeinesGesetz, daß wenn ein rohes Volk, so zu sagen, in die Schulegeht bei einem gebildeten, es von diesem die technischen Aus-drücke in Litteratur, Kunst und Wissenschaft übernimm:. Sohaben diese die Römer den Griechen entlehnt, wie den Römerndas übrige Europa.

Leugnen läßt sich allerdings nicht, daß die BewohnerLatiums weder an poetischer Begabung, noch an Neigung zurPoesie den Griechen gleichkamen. In harter Arbeit mit demzum Theil wenig dankbaren Boden mußten sie ihren Lebens-unterhalt finden. Außerdem fehlte ihnen die Anregung, welcheden Griechen dank dem Jnselreichthum des ägäischen Meeresund den zahllosen Häfen des Festlandes seit frühen Zeiten dieSeefahrt, der Verkehr mit den Völkern des Ostens und Westensbrachte. Roms Geschichte endlich bietet mit dem Ende derKönigszeit jahrhundertelang nur das Bild innerer und äußererWirren.

So ist denn die römische Mythologie dürftig im Vergleichzur griechischen. Die wenigen einheimischen Sagen, die Latiumeigenthümlich sind, nicht, was sehr früh begann, unter demEinfluß der Griechen gebildet, kommen nicht in Betracht gegendie unerschöpfliche Fülle phantastischer Gebilde, wie sie uns inden homerischen Gesängen entgegentritt. Entsprechend dem obenDargelegten wird man auch begreifen, daß bei den Latinernunmöglich so umfänglich und kunstvoll angelegte Werke entstehenkonnten, wie Ilias und Odyssee, mag man diese nun als dieVerbindung verschiedener, allmählich zur Einheit zusammen-geschmolzener Volkslieder oder, was wenig wahrscheinlich ist,als die Schöpfung eines einzelnen Dichters ansehen.

Gleichwohl hat auch in der Brust des latinischen Stammesder Same für Dichtkunst gelegen, wie bei allen für Kultur nichtganz unempfänglichen Völkern. Wir finden bei den Latinern

iW7,