Romulus für halbe Barbaren auszugeben, nicht viel besser alsdie Mongolen und Tartaren, die wohl im Zerstören fremderKulturen, aber nicht in der Aufrichtung eigener Fertigkeit gezeigthaben.
Besonders erstreckte sich jenes absprechende Urtheil auf diePoesie, trotzdem daß diese auf die Litteratur der Neueren vielmehr Einfluß geübt hat als die Prosa. Es läßt sich nun auchnicht leugnen, daß gerade auf jenem Gebiete die mehr ver-standesmäßig und praktisch angelegten Römer merklich hinterihren griechischen Vorbildern zurückstehen und ihre Werke deshalbdem Geschmack des letzten Jahrhunderts, das Originalität undSchwungkraft am Dichter höher schätzt als Nachahmung fremderMuster, mag sie auch mit Geist, Geschmack und Freisinn be-trieben werden, weniger Zusagen müssen.
Gleichwohl ist auch hier die Verkleinerung viel zu weitgegangen. — Wenngleich nun in den letzten Jahrzehnten sicheine verständige Reaktion angekündigt hat, die, ohne der Griechenhohen Ruhm zu schmälern, auch den Römern Gerechtigkeit wider-fahren zu lassen bereit ist, so fehlt doch noch viel, daß jenesungünstige Vorurtheil gänzlich überwunden wäre.
Es hat sogar nicht an Leuten gemangelt, welche meinten,daß die Römer überhaupt keine Poesie besessen hätten vor dernach Beendigung des ersten finnischen Krieges durch LiviusAndronicus begonnenen und bald durch die Autorität des Enniusfür alle spätere Zeit geheiligten Nachahmung der Griechen.Dafür sollte -als Beweis der Umstand dienen, daß die im Lateingebräuchlichste Bezeichnung des Dichters („poeta") griechischenUrsprungs ist. — Dies beweist freilich nicht mehr, als wennman meinte, die Slaven und Germanen hätten vor ihrer Be-kehrung zum Christenthum der Poesie ermangelt, weil imRussischen der Vers mit griechischem Namen „stielt heißt, imDeutschen die Worte „Vers", „dichten", „Dichter" aus dem