Druckschrift 
Die Lebensbeschreibung der Bischöfe Bernward und Godehard von Hildesheim
Entstehung
Seite
159
Einzelbild herunterladen
 

Godehard's Leben.

159

Tugenden der Heiligen gefährlichen Zweifeln unterworfen, wenig-stens werden auch die, welche in Wahrheit geheilt sind, nicht nurvon Ungläubigen, sondern zuweilen auch von Gläubigen für Be-trüger gehalten. Wir erlebten einen solchen Fall ganz öffentlichan einer Weibsperson. Im ersten Jahre der Regierung unseresBischofs Hezilo' warf sich nämlich ein altes, uns unbekanntes Weiban unserm Hauptfeste, der Himmelfahrt der h. Maria, mit ver-schleiertem Haupte und verhülltem Gesichte vor das Grabmal desfrommen Mannes, wälzte sich längere Zeit wie eine Wahnsinnige,stand endlich auf und rief, sie sei viele Jahre blind gewesen undjetzt dort sehend geworden. Sogleich wird dieses Gerücht ver-breitet, Geistlichkeit und Gemeinde laufen zusammen, selbst derBischof kommt, und man wollte schon öffentlich Gott danken, alsdie Nachbarn jenes Weibes, die sie schon kannten und häufig beisolchem Betrüge ertappt hatten, herzukamen und der Wahrheitgemäß erklärten, sie habe jetzt und schon früher oftmals ähnlicheDinge gelogen. Schon wollte das Volk sie nach Verdienst übelbehandeln, aber aus Ehrfurcht für den frommen Bischof wurdesie vom Klerus beschützt, zog voll Scham von dannen und ließsich nie wieder blicken. Vor solchen Betrügereien nehme ich michwohl in Acht, lasse auch Aussagen unbekannter Leute, die freilichwahr sein können, bei Seite und verknüpfe nur das mit dem Fadenmeiner Erzählung, was ich, wie Gott weiß, als Augenzeuge sahoder wenigstens von solchen hörte, die ich als wahrheitsliebende,gottesfürchtige Männer kenne.

35. Das Erste war und ist allbekannt. Einem von denBauleuten unserer Kirche, Namens Liudgerus, wurde beim Auf-stellen eines hölzernen Gerüstes in der Vorhalle der Kirche durcheinen schweren Balken, der herabfiel, der Schenkel nebst demSchienbein und dem Fuße jämmerlich zerquetscht, so daß er gänz-lich gelähmt war. Der fromme Vater, der ihn früher als treuund brauchbar kannte, ließ ihn deshalb täglich an seinem Tischemit den Armen essen. Noch mehr als über die Schmerzen seiner

1) WS«I07S.