700
Lachsen.
Die inneren Wandlungen des Lehrplans von 1860—84 weisen eine organischeWeiterentwickelung auf, in deren Reihe nur die „praktischen" Tendenzen des Lehrplans von1877 keinen Fortschritt gegenüber den früheren Phasen darstellen*).
*) Während im Deutschen 1880 die Litteraturgeschichte in der 2. Klasse einsetzte(Klasse l und 2 durften, wenn sie schwach waren, im deutschen Unterricht kombiniert werden),wird 1884 sür die drei oberen Klassen ein zusammenhängender Kursus der Litteraturgeschichtevorgeschrieben, während auf der Mittelstufe (Untertertia bis Untersekunda) nur gelegentlichebiographische Notizen geboten werden. Die Lektüre mittelhochd. Klassiker (vorgeschr. 1877) ist1884 wieder verschwunden. Charakteristisch sür den Lehrplan von 1884 ist die Vorschrift, daßder grammatische Unterricht in der Muttersprache wesentlich im Anschluß an den in derlateinischen Sprache zu erteilen ist und diesen zu ergänzen hat. Das Lateinische hat diebedeutendste Erhöhung des Ziels erfahren. Während 1860 nur erstrebt wurde: Kenntnis derFormenlehre, sowie der Hanptregeln der Syntax und die Fähigkeit, einen nicht zu schweren Ab-schnitt aus Cäsar oder Cicero ohne Lexikon, einen schwierigeren mit Hilfe des Lexikons richtigzu übersetzen, geht 1884 die Forderung dahin, daß der Schüler ein nicht zu schweres deutschesPensum ohne grobe Fehler ins Lateinische zu übersetzen und einen nicht gelesenen leichterenAbschnitt aus Cicero, Livius, Vergil und Horaz zu übertragen imstande sei. Bekanntschaft mitdem Wichtigsten aus der Verslehre wird ebenfalls verlangt. Im Französischen wurde von1860 an verlangt: Geläufiges Übersetzen jedes schwereren prosaischen und leichteren poetischenSchriftstücks ohne Hilfe des Lexikons, Verstehen eines zusammenhängenden französischen Vortrags,einige Gewandtheit im Beantworten von Fragen in französischer Sprache, französisches Nach-schreiben nicht zu schwieriger deutscher Extemporalien und grammatikalisch-richtige Abfassungeines freien Aufsatzes in französischer Sprache. Das Regulativ von 1877 fügte dazu korrekteAbfassung von Briefen und Bekanntschaft mit der französischen Litteraturgeschichte; das Gesetzvon 1884 hält hiervon nur das Letztere fest, indem es den Stoff noch dazu auf das „Wesent-lichste aus der Litteraturgeschichte" beschränkt. Im Englischen verlangte man von den Abitu-rienten 1860 Festigkeit und Sicherheit in der Aussprache, geläufige Übersetzung jedes dem Schülerverständlichen prosaischen Stückes ohne vorherige Präparation, Übersetzung eines zusammen-hängenden Pensums aus dem Deutschen ohne grobe Verstöße und einige Fertigkeit im münd-lichen Ausdruck; seit 1877 wurde neben Bekanntschaft mit dem Hauptsächlichsten aus der eng-lischen Litteraturgeschichte auch noch die Befähigung zur exakten Übersetzung von Geschäftsbriefenins Englische gefordert; das Letztere ist in das Gesetz von 1884 nicht mit llbergegangen. DieGeographie weist in den Zielen keine wesentliche Schwankung auf, dagegen ist die Verteilungdes Stoffs in den einzelnen Klassen mehrfach geändert worden. Das Gesetz von 1884 schließtden in zwei Kurse gegliederten geographischen Unterricht bereits in Obersekunda ab, zeigt aberinsofern einen bedeutsamen Fortschritt, daß es dem Anfangsunterricht in Sexta die Entwicke-lung der geographischen Begriffe an der Hand der Orts- und Heimatskunde zuweist. DerGeschichtsunterricht zerfiel 1860 in zwei Kurse von-je drei Klassen; der obere Kursus wurde1870 über vier Klassen ausgedehnt, 1877 wurde ein mittlerer Kursus von drei Klassen eingeschoben,wodurch der obere Kursus wieder auf drei, der untere auf zwei Klassen beschränkt wurde. Auch 1884ist dieser Kursus beibehalten worden, die oberste Stufe umfaßt wieder vier Klassen, die unterste inSexta und Quinta verfügt nur über je eine Stunde. Der Naturgeschichte war 186»übersichtliche Kenntnis der Botanik, Zoologie, Mineralogie und Geognosie zur Aufgabe gestellt,1870 trat die Anthropologie hinzu, 1877 auch noch die geographische Verbreitung der Pflanzenund Tiere, Geologie und das Wichtigste aus der Paläontologie, alles mit besonderer Rücksicht-nahme auf Landwirtschaft, Technik rc. Im Gesetz von 1884 dagegen wird sie mit Untersekundaabgebrochen und rücksichtlich ihren Zielen wesentlich verkürzt. Die Physik hatte seit 1860 dasZiel, Kenntnis der hauptsächlichsten physikalischen Erscheinungen, Kräfte und Gesetze zu vermitteln.1877 wurde die Rücksichtnahme auf die Anwendung im praktischen Leben betont, 1884 nichtmehr, dafür wurde nun die mathematische Begründung der wichtigeren Gesetze der Mechanikund Optik verlangt. Der Unterricht wurde auch auf die fünf oberen Klassen ausgedehnt. DieChemie, die 1860 nur iu zwei Klassen betrieben wurde, ist seit >870 auf die drei oberenKlassen verteilt. Die Aufgabe blieb fast unverändert; die 1877 vorgeschriebene Rücksichtnahmeauf Industrie und technische Anwendungen ist 1884 wieder eingeschärst worden. In Rechnenund Mathematik galt 1860 als Ziel: Rechenfertigkeit in ganzen und gebrochenen Zahlen,Kenntnis und Festigkeit in algebraischen Rechnungen, in der Behandlung von Gleichungen1., 2., (3.) Grades, der Potenzierung und Radizierung, sowie der Gebrauch der Logarithmen,Kenntnis der Planimetrie, Stereometrie und der ebenen Trigonometrie. 1870 wurde dazu die Be-handlung der Gleichungen 3. Grades unbedingt gefordert, außerdem aber noch Kenntnis der analyti-schen Geometrie des Raumes. Hierzu traten: 1877 das Hauptsächlichste aus dem kaufmännischenRechnen und die Gleichungen 4. Grades, 1884 noch der Moivresche Satz und die einfachste unendlicheReihe. Das geometrische Zeichnen, neuerdings darstellende Geometrie genannt,