Druckschrift 
7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
Entstehung
Seite
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80 Reizbarkeit.

Regierung wird nur solche Schulmänner aussenden oder für ihre Reisevorhaben durchGeldmittel wie durch ihre Agenten in den betreffenden Ländern unterstützen, welche siefür geeignet hält, bedeutende und zuverlässige Beobachtungen zu machen. Es hängtdies auch von dem Eindruck ab, den die Persönlichkeit eines Mannes macht, ob er dasVertrauen erweckt, daß es der Mühe wert sei, mit ihm zu reden und Ansichten undErfahrungen mit ihm auszutauschen und daß er keinen ungeeigneten, vielleicht seinenGewährsmann bloßstellenden Gebrauch davon machen werde. Reisenden, die in letztererBeziehung unzuverlässig erscheinen, ist sogar zur Strafe schon hier und da absichtlich einMärchen aufgebunden worden. Den bescheidenen, wißbegierigen Mann läßt man eher in dasInnere Hineinblicken als den, der alles am besten wissen will und über das, was ihmauffällt, die Nase rümpft. Dann kommt es aber auch sehr auf die besonderen Zweckeeiner Reise an. Da man jede Schule unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten betrachtenkann nach den zur Leitung und Beaufsichtigung berufenen Autoritäten, nach demVerhältnis einer Schulgattung zu einer andern, verwandten, nach der inneren Einrichtungund Einteilung der Anstalt, nach den äußeren Verhältnissen, den Lehrmitteln, der Ge-sundheitspflege, den, Verhältnis der Schule zum Haus, den Anforderungen an die Zeitund Kraft der Schüler auch außer der Schulzeit, nach Bildungszielen, Erziehung undUnterricht, nach den verschiedenen Unterrichtsfächern u. s. w., so wird es sich in derRegel empfehlen, den Zweck der Reise nicht auf diese alle auszudehnen, sondern aufeinzelne Gesichtspunkte zu beschränken und ihre Richtung darnach zu bestimmen, ob diebetreffenden Fragen in einem Lande besonders verarbeitet worden sind und zu ent-sprechenden Schulgestaltungen geführt haben. So wissen wir von einer nordischen Re-gierung, die dem einen ihrer Schulmänner die Frage der Hausaufgaben, einem anderndie Parallelklassen, von einer andern, die ihren Vertrauensmännern den Religionsunter-richt, die physikalischen Apparate, die Subsellien, die Mädchenschulen zu studieren auf-gab. Auch das Reisen will ja gelernt sein. Dillmann.

Reizbarkeit. Es handelt sich hier nicht um den Begriff, welchen die Physiologiemit dem Ausdrucke Reizbarkeit der Nervenfaser und der Muskelfaser verbindet; auchnicht um eine psychologische Erörterung derjenigen psychisch-cerebralen Konstitution, welcheeine unwillkürliche, große, sei es flüchtige, sei es anhaltende Erregbarkeit der psychischenVorgänge durch äußereReize" bedingt; unser Gegenstand ist vielmehr die reizbareSchwäche" der psychischen Nerven, im weiteren der Nervencentren insgemein, wie solcheals eine Störung des normalen Verhaltens im Kindes- und Jugendalter vorkommt.

Es liegt teils in der Konstitution der psychischen Organe im Gehirn, teils in derUnreife der geistigen Energie, daß das Jugendalter für psychische Vorgänge mit demCharakter lebhafter und zahlreicher, dem hemmenden und dem bestimmenden Einfluß dereigentlichen Geistesthätigkeit mehr oder weniger entzogener Vorstellungen und Gefühlebesonders empfänglich ist. Dieses sanguinische Naturell gründet sich nach seiner leib-lichen Seite auf die Besonderheit der Ernährung, namentlich auf den raschen Stoff-verbrauch und großen Stoffbedarf in den Fasern und Ganglienzellen des psychischenGehirns. Schon im Jugendalter ergiebt sich aber überdies häufig eine eigentümlicheKonstitution, die nervöse. Während das Längenwachstum sich normal verhält oder selbstein verhältnismäßiges Wachsen der langen Knochen nach ihrer Längenrichtung eintritt,bleibt die Entwicklung der Muskeln zurück, ihre Leistungen sind gering und namentlichnicht nachhaltig; die unwillkürliche psychische Thätigkeit ist eine gesteigerte und die Er-nährungsvorgänge der ganzen Nervensubstanz geschehen mit entsprechender großer Leb-haftigkeit; sobald aber die von den Verdaunngsapparaten assimilierten Nahrungsstoffeund die Produktion von roten Blutkörpern in den blutbereitenden Drüsen auch denBedarf der Nervensubstanz nicht mehr völlig decken, giebt sich eine Störung der Nerven-ernährung teils durch die gesteigerte Reflexthätigkeit der Neflexcentren und die gesteigertepsychische Erregbarkeit, überdies durch die gestörte Koordination eine Ataxie der kom-binierten Bewegungen, teils durch das rasche Ermüden aller psychischen und willkürlichen