Druckschrift 
7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
Entstehung
Seite
20
Einzelbild herunterladen
 

20

Reiseunterstützung.

halt in seiner Mitte für unerläßlich erachten. Jedoch dürfte auch schon in dieser Be-ziehung sich bewähren, daß, wer mitten im fremden Volksleben steht und sein Herz,und seinen Sinn dessen Einflüssen öffnet, viel leichter die Wechselwirkung verstehen wird,die zwischen dem Geist eines Volks und dessen großen Geistern, gebend und empfangendbesteht. Aber die Sprache selbst, die Verkörperung des Volksgeistes wird in ihrervollen Kraft und Tiefe, in ihrer Beweglichkeit und Geschmeidigkeit, in ihrer Fülle undSchönheit nach ihrem ganzen Bau nur dem sich erschließen, der sich auf den Wogen desgesprochenen Worts, hörend und sprechend dahintragen läßt. Der freie und selbständigeGebrauch einer lebenden Sprache gilt daher mit Recht als ein notwendiges Kennzeicheneines guten Lehrers derselben, ohne daß man sich freilich deshalb zu dem Trugschlußverleiten lasten dürfte, daß jeder, der die fremde Sprache zu reden versteht, auch einLehrer derselben sei oder sein könnte.

Daß ferner für den Lehrer der Naturwissenschaften, namentlich der beschreibenden,das Reisen und Sehen, das Sammeln und Graben geradezu zum Berufe gehört, bedarfkeiner Ausführung. Fast nur auf diese Weise vermag ja der Geograph, der Botaniker, derMineraloge, der Geologe die Maste des Stoffs zu bewältigen und in die Fülle dessonst oft nur gedächtnismäßigen Wissens die lebensvolle Anschauung zu bringen, welchedie volle Herrschaft über das ganze Wissensgebiet ebenso ermöglicht wie bekundet. Aberauch der Geschichtsforscher des Altertums, der Archäologe, wird sich eine Gelegenheitnicht entgehen lasten, bei welcher es ihm möglich ist, den geschichtlichen Gestalten daswarme Interesse der Gegenwart abzugewinnen und zu den Vorstellungen, welche dieBeschreibung der alten Schriftsteller erweckt, die Anschauung selbst zu fügen.

In dieser Richtung sind es insbesondere zwei höchst segensreiche Einrichtungen,welche vorherrschend von unserem deutschen Vaterlande unterhalten werden und um ihresweitgreifenden Einflusses willen hier noch besonders erwähnt werden müssen: das archäo-logische Institut in Rom und die zoologische Station in Neapel von Anton Dohrn.

Beide Einrichtungen zeichnen sich dadurch aus, daß sie von deutschen Männern ge-gründet und von den deutschen Negierungen hochherzig unterstützt sich die Bestimmunggegeben haben, tüchtige Lehramtskandidaten oder jüngere Lehrer mitten in diejenigeWissenschaft hineinzuführen, in welcher sie ihren Lebensberuf finden wollen.

Das archäologische Institut, hervorgegaugen aus einem kleineren Kreise von kunstsinnigenMännern verschiedener Nationen, namentlich von Deutschen, Franzosen und Engländern,welche in Rom in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts das gemeinsame Interessefür die Kunst zusammenzuführen pflegte, wurde allmählich, insbesondere durch dasInteresse, das die drei preußischen Gesandten in Rom, W. von Humboldt, Niebuhrund Bunsen an dem Vereine nahmen und durch die gewichtige Fürsprache, welche siedemselben bei dem preußischen Königshause angedeihen ließen, in immer engere Be-ziehung zu der preußischen Regierung gesetzt. Insbesondere als es gelang, den Kron-prinzen, späteren König Friedrich Wilhelm IV. zu bestimmen, das Protektorat über denVerein zu übernehmen, oder, wie er selbst sagte, ihm das Protektorat abzuquetschen, fingder Verein an, eine Thätigkeit zu entfalten, deren Segen sich über alle Völker Europas,insbesondere über Deutschland verbreitete. Dort, in der Stadt der Jahrtausende, in demkleinen Vereinshaufe auf dem tarpejischen Felsen (easu Turxcha) wurden die regel-mäßigen Zusammenkünfte, und damit verbunden schon seit 1834 öffentliche Vorlesungenund Demonstrationen über Archäologie abgehalten; dort kamen jene Männer zusammen,welche auf die Lehrjahre ihrer Universitätszeit herrliche Wanderjahre in Nom und demübrigen Italien, unter Umständen sogar auch in Griechenland folgen ließen". Daß auf dendeutschen Universitäten überall Lehrstühle für Archäologie errichtet wurden, war vornehm-lich der Anregung zu verdanken, die das Archäologische Institut in Rom dazu gegeben,und kaum wird auf einen solchen Lehrstuhl einer berufen worden sein, der nicht dort,und zwar unter der Leitung des verdienstvollen und vieljährigen Vorstands, Ur. Braun,auf dem tarpejischen Felsen seine Studien gemacht hatte. Als nun im September 1858