Druckschrift 
7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
Entstehung
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alles schon da gewesen". Aber es ist dies nur der Ausdruck für ihre durch Über-reizung und Übersättigung herbeigeführte Abstumpfung und Interesselosigkeit.

Bon Auswüchsen dieser Art, die das Reisen hervorbringt, braucht hier aus naheliegenden Gründen nicht weiter die Rede zu sein; aber eine andere Gefahr, die mitdem Reisen verbunden ist, muß noch angeführt werden, weil viele, wie aus den Reise-berichten so mancher Kandidaten ersichtlich ist, darein verfallen. Ich meine, die Geneigt-heit zu absprecheudem, wen» auch nicht wegwerfendem, doch keck und unbescheiden zu-greifendem Urteil über das, was sie gesehen und gehört haben, oft auf Grund einerflüchtigen Bekanntschaft. Zwar läßt sich der Löwe aus der Klaue erkennen und kon-struieren, aber nur wenn die Klaue einem tüchtigen Tierkenner vor die Augen und indie Hand kommt; der Besuch einer oder einiger Vorlesungen, einer Predigt, eine einzigeAbendunterhaltung muß in gar manchem Reisebericht genügen, um das einschneidendste undzuversichtlichste Urteil über eines bedeutenden Mannes Charakter und Wirksamkeit zu recht-fertigen. Es scheint mir dieser Fehler besonders bei denen hervorzutreten, welche gar zu raschreisen und möglichst vieles in die kürzeste Zeit zusammendrängen, oder auch bei solchen,welche in der Welt, die sie sehen, mehr sich selbst zu spiegeln suchen, statt daß sie dieWelt auf sich wirken lassen. Ter Geck sieht in der Meeresbucht nur sein eigenes, ver-zerrtes Bild, auf deren Grund der Taucher die Perlen holt. Freilich sind gar vieledurch äußere Gründe genötigt, ihre wissenschaftlichen Reisen so schnell zu machen. Dochauch solche Reisen dürften immer noch ihren Wert haben. Vor allem möchte hier her-vorzuheben sein, welches Glück es heißen muß, einen bedeutenden Mann, eine wirklicheGröße, auch nur von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vollends ihm persönlich nahezu kommen, oder gar einer Ansprache, einer Unterhaltung mit ihm gewürdigt zu werden.Ein solcher Eindruck pflegt fürs Leben zu bleiben.

Was aber seither von dem wissenschaftlich gebildeten Jüngling überhaupt ausge-führt wurde, das gilt nun in ganz besonderer Weise vom künftigen Lehrer.

Er, der vor andern Ständen berufen ist, seinen Schülern im Lichte echter Mensch-lichkeit sich darzustellen, sollte womöglich ein Mittel nicht unbenützt lassen, das ganzgeeignet ist, die eckigen und verunstaltenden Formen abzuschleifen, die der Mensch zwarnicht mit auf die Welt bringt, aber so leicht annimmt, wenn er beständig unter denSeinigen sich bewegt und sich gehen läßt, ein Mittel, das die Sicherheit und Liebens-würdigkeit im äußeren Auftreten, die Herrschaft des Geistes über alle äußeren Lagen zufördern, das zu der Bestimmtheit des Willens die Höflichkeit in der Form zu fügenund allen Bewegungen und Urteilen ein gewinnendes Ebenmaß zu verleihen geeignet undimstande ist. Für den Lehrer besonders ist es wichtig, sein Urteil nicht zu einem ein-seitigen und beschränkten werden zu lassen und sich unter einer befangenen Auffassungder Menschen und ihrer Verhältnisse nicht gefangen zu geben. Denn bei keinem Standist die Gefahr so groß, in eine, sogar sprichwörtlich gewordene, schulmeisterliche Einseitig-keit zu verfallen, weil sein Berns es mit sich bringt, überall verbessernd einzugreifen undüber das, was recht ist, zu erkennen. So kommt er gar zu leicht zu der Meinung,daß der Maßstab für das, was gut und lobenswert sei, in der Annäherung an seineeigenen Ausdrücke und Grundsätze liege. Auf der Reise nun sieht sich der Lehrer vielfacheiner Macht gegenübergestellt, die seinem Einfluß völlig entzogen, seinem Charakter, seinerWeltanschauung vielleicht geradezu entgegengesetzt ist und dennoch in ihrer Einwirkung aufdie Jugend Ergebnisse hervorbringt, welche er anerkennen, vielleicht bewundern muß. Da-durch lernt er Ansehen, daß auch auf andere Weise, als die er die seinige nennt, sichetwas leisten läßt; der Wahn, daß die eigene Methode die einzig zulässige sei, wird ge-brochen; er wird dadurch veranlaßt, ein mildes und weises Eingehen auf die Anlagenund die Bedürfnisse der einzelnen Schüler an die Stelle eines harten, alle gleich be-handelnden Zwanges treten zu lassen. In der That, der Verschiedenheit der geistigenAusstattung der Einzelnen wird man sich dadurch am besten bewußt, daß man die ver-schiedenen Stämme und Nationen kennen lernt. Die Neigung zu bestimmten Fehlern und