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7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
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Reiseuntcrstiitzung.

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alle, der Einzelne, die heimatliche Gemeinde, sein Stamm, ja sein Volk selbst in ihremFortschreiten abhängen von dem Fortschreiten der Menschheit im großen und ganzen,und daß der Geist der Geschichte, wie er selbst das Produkt aller Völker und Jahr-hunderte ist, sich auch aller auf die verschiedenste Weise als seiner Organe bedient. Solernt er, das Einzelne im Lichte des Ganzen zu betrachten und durch vielfache Übungvon selbst die Beziehungen aufzusuchen und aufzufinden, durch welche das Einzelne andas Ganze gebunden ist.

So ändert sich durch das Reisen auch das Urteil über Menschen und Dinge, eswird bald weiter, bald milder, und mit dem Urteil ändern sich die Ansprüche, die manan andere macht und die man von andern erwartet, ebendamit aber auch die Be-handlung, welche man andern angedeihen läßt. Es liegt somit etwas Wahres in demWort: Reisen macht den Mann. Und gerade in unserer Zeit, in welcher auf Grundder Vereinfachung und Beschleunigung aller Verkehrsmittel die Wogen geistigen Lebensungehindert und ungebrochen in die Weite schlagen, gerade jetzt, da, bei der innigen Be-ziehung aller Völker zu einander, der Wettkampf um die höchsten Güter des Geistes,das Ringen nach Wahrheit und Weisheit, das Bestreben, das Geistesleben in schönenund geschmackvollen Formen zum Ausdruck zu bringen, geradezu einen internationalenCharakter angenommen hat, gerade jetzt ist das Reisen für jeden besonders wünschens-wert geworden. Oder sollte die jährliche Steigerung der Reiselust nicht auch Hinweisenauf ein inneres Bedürfnis? Ist es nicht, als ob viele nur auf die Erniedrigung derhohen Preise, mit denen früher das Reisen verbunden war, gewartet hätten, um einemallgemein vorhandenen Bedürfnisse gerecht zu werden? Es läßt sich kaum leugnen, daßgerade insofern ein die allgemeine Weltbildung förderndes Element in der Erleichterungder Verkehrsmittel liegt. *

Welchen Einflnß aber das Reisen auf die Bildung des Charakters hat, auf dieAusprägung der Grundsätze, nach denen das Leben einzurichten ist, auf die Entwicklung derFähigkeit über gegebene Verhältnisse zu urteilen, das beweisen nicht bloß einzelne Beispieleehrwürdiger Kaufherren, sondern die Geschichte giebt glänzende Belege genug dafür,daß die durch das Reisen, durch die Berührung mit fremden Völkern und fremdenVerhältnissen entwickelten Tugenden sogar im Staatsleben sich kennzeichnen.

Unter diesem Gesichtspunkt kann man das Reisen sogar mit der Philosophie ver-gleichen. Beide erweitern und veredeln, freilich auf ganz verschiedenen Wegen, die An-schauung des Einzelnen. Führt uns die Philosophie, indem sie die Erscheinungen ihrerunwesentlichen Merkmale entkleidet, zu den ewigen und unveränderlichen Formen desSeins und des Denkens, denen die Gesetze aller Weltordnung entspringen, so macht derwechselnde Aufenthalt in der Fremde den Blick und das Urteil auf unmittelbarem Wegeweiter, rascher und treffender und führt so in anderer Weise zum Wesen der Dinge.Es sind daher nicht bloß die abgeschliffenen, einnehmenden Formen in der Haltung undBewegung, es ist nicht bloß die Leichtigkeit, sich über alles Kleinliche wegzusetzen, es istder rasche und sichere Blick, der, gewohnt ein weites Gebiet zu überschauen, sofort denwirklichen Kern einer Sache von seiner zufälligen Schale abzulösen versteht, es ist dasUrteil, scharf gegenüber von Verhältnissen, mild gegenüber von Schwächen, es ist diemaßvolle, besonnene Haltung im Austeilen von Lob und. Tadel, was dem gereistenManne seine Würde, manchmal das Ansehen eines Weltweisen verleiht.

Natürlich hat das Reisen nicht immer und nicht überall diese hohe und weit-greifende Bedeutung. Unbedeutendes kann dadurch nicht bedeutend werden, unedle odersolche Menschen, die verkehrten Herzens sind, werden dadurch nicht wohl erneuert werden.Bei oberflächlichen Naturen, bei denen nichts in die Tiefe geht, wird das Ergebniswohl nur sein, daß sie durch äußere Gewandtheit in den Umgangsformen den Mangelan tieferer sittlicher und intellektueller Bildung verdecken. Aber auch an ihnen zeigt sichnoch, welche Kraft dem Reisen innewohnt. Auch ihnen ist der Grundsatz der Philo-sophie: nil aämirsri zur Lebensregel geworden, sie geben sie kund in ihrem stehenden:Pädag. Encyklopädie. Vll. 2. Aufl. 2