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7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
Entstehung
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Reiscnntcrstiiymig.

anderes, seine Worte zu hören. Dieselbe Note ist es, die der Violine, Flöte und

Posaune den Ton vorschreibt, und doch welch großer Unterschied ist es, auf welchemdieser Instrumente ein Stück gespielt wird! Das abgeblaßte Wort der Schrift, nochmehr des Drucks kann wohl einen Gedanken in einem Satze wiedergeben, aber dasunwägbare Moment, das die ganze Erscheinung eines Mannes, sein Blick, seine Stimme,durch welche er die Schwingungen seines Gemütes und Herzens, seine Begeisterungdem anwesenden Schüler in die Seele zu strahlen vermag, an seine Worte heften,gerade das, durch was dieses Wort erst ein lebendiges und Leben schaffendes wird,das wiederzugeben ist dem Buche schwer, vielleicht unmöglich; es giebt höchstens denTon in seiner schulgerechten Schwingungszahl; die Klangfarbe, das Erschütternde undEinschmeichelnde, das Seelische an demselben vermag es nicht zum Ausdruck zu bringen.

So wenig sich daher die Möglichkeit bestreiten läßt, daß ein Jüngling, dem es auFleiß und Ausdauer nicht fehlt, auchaus den Büchern studieren" kann, so sehr springtes in die Augen und so laut verkündet cs die Erfahrung, daß deshalb die Universitätennicht überflüssig geworden sind.

Jede Universität aber steht einigermaßen unter dem Einflüsse des Geistes, der einVolk, sogar einen einzelnen Stamm beherrscht; und unter sonst gleichen Verhältnissenwird derjenige besser daran sein, welcher, nachdem er auf einer Universität das Ge-bäude seiner wissenschaftlichen Ausbildung aufgerichtet hat, gleichsam der innern Aus-stattung wegen, oder auch um eines nützlichen Anbaues willen an weiteren Universitätensein Wissen abzurunden in der Lage ist. Seitdem aber die Universitäten nicht mehrdas gesamte wissenschaftliche und künstlerische Leben in sich aufzunehmen vermögen,seitdem jede Fakultät mehr in die Tiefe eindringt und dahin ihr zu folgen von ihrenStudierenden verlangt, seitdem die Teilung der Arbeit auch auf wissenschaftlichem Feldeebenso wie die Erschließung neuer Gebiete des Wissens eine jährlich steigende Anzahlneuer Lehrstühle und Fachschulen notwendig macht, seitdem das Verlangen einer aus-gezeichneten Leistung das wissenschaftliche Verständnis zwingt, an einem einzigen Punkteanzugreifen, seitdem ist auch die Gefahr der Einseitigkeit gestiegen, und verlangt alsGegengewicht die Ausbildung der Fähigkeit, das Erlernte auf die Verhältnisse desLebens anzuwenden, sich der hunderterlei Beziehungen bewußt zu werden und bewußtzu bleiben, durch welche jedes Einzelstudium wieder mit dem Ganzen, mit den Bewe-gungen des gesamten geistigen Lebens des Volks zusammenhängt. Hierzu gehört einfreier großer Blick, ein erhöhter Standpunkt, der den Gesichtskreis erweitert und dasNächste unter dem Eindruck des Ganzen, dessen Teil es ist, erscheinen läßt.

Mag auch für Kant die Markung von Königsberg groß genug gewesen sein, seineallumfassende Weltanschauung entstehen zu lassen, für Alexander von Humboldt warenseine Reisen ein wesentliches Hilfsmittel, durch das er sich zu seiner allseitigen, bisin die Tiefen des Sternenhimmels greifenden Auffassung der Dinge erhob. Und werwill es sagen, ob in die starren und eckigen Formen des Systemes, dessen Vater Kantgeworden ist, und des Stils, dessen er sich zur Darlegung desselben bediente, nicht einlieblicheres Licht und mehr Wärme gedrungen wäre, wenn der fünfzigjährige Einsiedlersein Herz dem Pulsschlag des Völkerlebens ebenso eröffnet hätte, wie er es dem Ein-druck des sternbesäeten Firmamentes darbot? Auf jeden Fall ist nur den wenigstenMenschen beschieden, einen solchen, von allen Fäden des äußeren Lebens losgelöstenBerufskreis zu erhalten. Er kann daher für diejenigen nicht als Muster gelten, diemit ihrer ganzen Wirksamkeit in die Mitte unseres heutigen Völkerlebens gestellt sind.

Jener freiere und umfassendere Blick aber wird durch nichts so leicht und so un-mittelbar gewonnen, als durch das Reisen. Es verliert sich die übertriebene Wert-schätzung des eigenen Selbsts und der engen, kleinen Interessen, mit denen sich derMensch an das Nächste gefesselt fühlt; er lernt sich kennen und geben, beruflich wiemenschlich, als einen unter vielen; er führt das natürliche Gefühl, vermöge dessen ihmdie Heimat als das Höchste erscheint, auf das berechtigte Maß zurück; er erkennt, daß