Druckschrift 
7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

Leute immer etwas Gesundes und Tüchtiges oder mindestens Harmloses in sich undin Gesprächen bewegen, da sonst leicht böse Mächte und nichtige oder unfeine, ja fauleGeschwätze sich einnisten.

Ein Mühlstein und ein Menschenherz

Wird stets Herumgetrieben:

Wo beides nicht zu reiben hat,

Wird beides selbst zerrieben",

singt der alte Fr. v. Logau.

Der Unterricht giebt zwar den Gedankenmühlsteinen des jungen Geistes vieles zureiben; aber dieser hat eben neben dem beruflichen Lern- und Arbeitsleben gewöhnlichnoch seine Sonderwirtschaft, die aus den Dingen der eigenen Wahl und des eigenenfreien Wohlgefallens ihre Nahrung zieht. Diese will auch versorgt sein. Er suchtsich zwar selbst sein Material dazu, wie der Vogel zu seinem Nest, auch ohne Zuthundes Erziehers; aber es lohnt sich doch je und je, gutes Material ihm nahe zu legen,und das geschieht namentlich auch durch einen je und je eiutretenden Neiseausflug, undwäre es nur auf einen oder etliche Tage. Wochenlang wird derselbe schon zum vorausbesprochen: wann, wie, wohin? Ter Tag erscheint endlich; das Werk wird ausgesührt,und nun ist mit den Erlebnissen desselben wieder auf Wochen hinaus ein Stoff ge-geben , der die Leutlein gemütlich beschäftigt. Die Erziehungsanstalt Stetten, welchevon dem Unterzeichnten 9 Jahre laug geleitet wurde, hatte, abgesehen von größeren Va-kanzreisen mit einer beschränkteren Anzahl von Zöglingen, einen jährlichen Reiseausflugvon 56 Tagen in ihren Plan für alle Zöglinge vom 10. Jahre an ausgenommen.Man wählte dazu in der Regel die Zeit des Frühsommers, wo die Natur in ihremschönsten jungfräulichen Schmucke stand. Unsere beiden württembergischen Feiertage,Johannistag am 24. und Petri- und Paulitag am 29. Juni, bildeten gewöhnlich An-fang und Ende derTurnfahrt", um zugleich die dem Unterrichte entgehende Zeitmöglichst zu beschränken. Die ganze Schar der Zöglinge wurde je nach Alter in geistigerwie körperlicher Entwicklung in 5 6 kleine Heere abgeteilt, jedes derselben gewöhnlichvon zwei Lehrern begleitet. Der Plan war entworfen und kundgegeben. Am frühenMorgen wird alles lebendig. Reisefertig singt und betet man noch zusammen und nungeht es unter fröhlichem Liederklang nach verschiedenen Richtungen hinaus. Eine Trupperichtet ihre Schritte etwa nach der schwäbischen Alb mit ihren romantischen Thälern undHöhlen, Burgen oder Burgeutrümmern: Teck, Neuffen, Achalm, Lichtenstein. Urach,Gust. Schwabs schöne Beschreibung davon in der Tasche; eine andere dringt nach dersüdlichen Abdachung der Albhöhe» vor, namentlich durch das burgenreiche Lauterthalbis zur Donau und dem Buffen. Wieder eine andere Schar zieht das Filsthal hinaufzu dem kahlen Bergkegel, der einst die stolze Burg der Hohenstaufen trug, über dennachbarlichen Rechberg nach der alten Reichsstadt Gmünd und das Remsthal wiederherab über das alte Lorch, der Grabesstätte der Hohenstaufen, und Schorndorf, wäh-rend wieder eine andere dem Schwarzwalde zueilt und von irgend einer Höhe aus dasSilberbaud des fernen Rheins erspäht. Ein andermal lockt das gewerbreiche Heilbronnmit seinen Schiffen. Man wagt sich den Neckar hinab in den frisch belaubten Oden-wald und zu der Krone der Ritterburgen, Heidelberg, oder zur Weinsberger Weibertreu,zur Burg des letzten Ritters, Götz von Berlichingen, durch das freundliche Jaxt- undKocherthal, wohl gar in die Salzstadt Wilhelmsglück tief unter der Erde in der Näheder alten Salzstadt Hall über derselben. Unser Württemberg ist nach allen Seiten hinreich an interessanten Punkten. Das war nun Eiu-sich-freuen, Erzählen, Rühmen,was man alles gesehen und erlebt, wenn alle Abteilungen wieder eiugerückt waren, diejüngeren natürlich am ersten; denn für die Knaben unter 10 Jahren dauerte der Ausflugnur 23 Tage. Die Reiseerlebnisse boten Stoff zu schriftlichen Beschreibungen. Diegelungensten wurden dann etwa an einem Sonntagsabend oder zum Schluffe desKirchenfestes" vor der gesamten Hausbewohnerschaft unter Einfügung passender