Druckschrift 
4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
759
Einzelbild herunterladen
 

Mädchcnerziehimg.

759

anzustreben kann nur bei hervorragender Anlage für die Ausübung der Künste rathsamerscheinen. Um diese kennen zu lernen und zu wecken, mag der Unterricht einige Zeitfortgesetzt werden, spricht sich aber entschiedenes Talent nicht aus, so sollte man den-selben bald aufgeben und dem Mädchen nicht unvcrständigerweise jzumuthen, sich gegendie eigene Neigung und mit so großen Opfern an Zeit Fertigkeiten anzueignen, diemuthmaßlich die Mittelmäßigkeit nicht überschreiten können und später vielleicht ganzvernachlässigt werden müßen. Wo keine Anlage ist, da ist in dem Zögling auch keinGefühl für eine Pflicht, diese Anlage anszubilden; darum ist der musikalische Unter-richt in so vielen Fällen so unwirksam oder wohl gar in seinen Wirkungen schädlich.Es ist aber gerade für das Mädchen von der höchsten Wichtigkeit, demselben alles wases thue, auch das Kleine, das scheinbar Unbedeutendste, das Geringfügigste, unter demGesichtspuncte der Pflicht zu zeigen, da die Menge der kleinen Pflichten, ausdenen sich der weibliche Beruf zusammensetzt, so leicht diesen Gesichtspunct aus denAugen rückt. Treue im Kleinen und im Kleinsten ist daher die allgemeine Regel,welche bei allen häuslichen Geschäften, zu denen das junge Mädchen herangezogen wird,festgchalten werden muß. Das Mädchen macht zuerst einen idealen Cursus der Häus-lichkeit an dein Spiele mit der Puppe durch. Auch in diesem, in welchem sich alleverschiedenen Geschäfte des Hauswesens, das Waschen, Nähen, Kochen w. wiederholen,sollte die Mutter darauf halten, daß die Grundlage aller häuslichen Thätigkeit, Ord-nung und Sauberkeit, bei allem, was das Kind thue, beachtet werde. Gern gehendie Mädchen, wenn ihnen im eigenen Leben das Vorbild der Ordnung gegeben ist,darauf von selbst ein, auch in ihre spielende Beschäftigung mit der Puppe, mit derPuppenstube, mit der Küche rc. eine feste Zeiteintheilung zu bringen. Zu dieser oderjener Zeit werde regelmäßig das Zimmer gereinigt, das Bett gemacht, gewaschen rc.Die Mutter weise das Kind oft und immer wieder darauf hin, daß die Freude diesesSpieles eben darin bestehe, das ganze kleine Hauswesen wohlgeordnet und durch Rein-lichkeit und Sorgfalt für jeden erfreulich zu erhalten. Man mag in diesem Stückedem jungen Mädchen, welches oft bis in's 14 . und 15 . Jahr an diesem Spiele Gefallenfindet, einen gewissen Luxus gestatten, und es reichlich mit allen den kleinen Einrich-tungen ausrüsten, welche das Detail einer solchen Puppenwirthschaft ausmacht. Aberman möge nicht meinen, daß diese Ausstattung mit allem erdenklichen Spielwerk ansich einen Nutzen habe, wenn nicht die Umgebung mit Rath und That auf die An-wendung desselben eingeht. Das Spiel würde überhaupt nicht lange fortgesetzt werden,wenn nicht das reale Leben der Häuslichkeit das junge Mädchen mit immer neuemReize anzöge und ihm einen thätigen Antheil gewährte. Dieser Antheil werde vonder Mutter allmählig gesteigert, überall aber dazu benutzt, das Pflichtgefühl zu kräftigenund die Gewohnheit zu befestigen, alles mit gleicher Liebe und gleicher Treue zu voll-bringen. Die gelegentlichen Aufträge, dies oder jenes zu holen, fortzutragen, auszu-richten, zu erfragen rc. möge das junge Mädchen in dem Gefühle ausführen, daß esihm zukomme, dergleichen zu thun. Frühe schon muß es auch daran gewöhnt werden,sich in seiner Thätigkeit unterbrechen und stören zu lassen, mit heiterem Sinnden gegebenen Auftrag zu erfüllen und mit Freudigkeit die frühere Thätigkeit wiederaufzunehmen. Für das praktische Leben derj Hausfrau, welche oft das Verschiedenartigstezu bedenken hat, ist diese Gewohnheit äußerst wichtig, und sie führt das junge Mädchenfrühe zu einer gewißen Selbstverleugnung. Aber bald soll dasselbe nicht mehr aufgegebene Aufträge warten, es soll selbst warnehmen, was es wohl thun könnte. Manleite es daher an, mit Aufmerksamkeit die Bedürfnisse aller zu verfolgen und ihnendurch eine stille und bescheidene Dienstfertigkeit zuvorzukommen. Diese Dienstfertig-keit war bisher ein Vorzug der deutschen Mädchenerziehung, sie scheint aber in neuererZeit durcki nähere Bekanntschaft mit Französinnen und namentlich mit Engländerinnen,denen sie fast ganz fehlt, mehr und mehr in Abnahme zu kommen und doch ist siegerade ein so echt weiblicher Zug. Aus der gelegentlichen Theilnahme an denGeschäften des Hauswesens soll allmählig eine geregelte und selbständige werden.