752
Mlidchcncrziehuug.
sivs ou lütuäs äu oonrs 6s 1s. vis" macht, daß diejenigen Anlagen, welche über dieBildung der Charakters entscheiden, in dem Individuum auch zuerst hervortreten, sichdurch weitere Beobachtungen bewähren sollte; denn wie wesentlich gerade für das Weibdie richtige Entwicklung des Charakters von vorn herein ist, das ist im ersten Theiledieses Artikels näher begründet worden. Freilich ist die specielle Darstellung dessen, wiediese erziehliche Berücksichtigung der weiblichen Individualität in jener frühesten Lebens-periode im einzelnen sich gestalten solle, darum besonders schwierig, weil gerade dieserPeriode das psychologisch-pädagogische Interesse im ganzen noch viel zu wenig zu-gewandt worden ist. Mehr als die von Schleiermacher aufgestellte Regel, daß bei derErziehung der männlichen Jugend die kühne, bei der der weiblichen die vorsichtigeMaxime den Erzieher leiten solle, wird sich im allgemeinen schwerlich sagen lassen;doch fehlt es durchaus nicht ganz an speciellen Zügen aus der Entwicklungsgeschichtedes Kindes, welche diese allgemeine Regel durch belehrende Beispiele und Winke praktischmachen. Namentlich hat Madame Necker de Saussure in ihrem oben genannten Werke— und es bildet dies einen der größten Vorzüge dieses Buches, weil gerade au diesemPuncte die weibliche Erfahrung so wichtig ist — in Capitel 2 (Geburt und die erstenMonate), 3 (Anlagen, die im ersten Jahre cultivirt werden mäßen), 4 (Anfang deszweiten Jahres) und 5 (weitere Folgerungen) eine Reihe der feinsten und treffendstenBemerkungen über die erziehliche Behandlung dieser Zeit gegeben. Was hier erwähntwird, bezieht sich zwar ans das Kind überhaupt, aber es lassen sich manche Vor-schriften für die Berücksichtigung der weiblichen Natur daraus sehr wohl ableiten.Wenn die Verfasserin z. B., nachdem sie in Capitel 2 das allmählige Hervortreten derphysischen Erscheinungen beschrieben und namentlich das frühe Aufdämmern des Be-wußtseins durch den Umstand bewiesen hat, daß das Kind, sobald auf sein Schreieneinigemal Befriedigung des zu Grunde liegenden Begehrens eingetreten sei, diesen:Schreien sehr bald einen imperativen Charakter gebe, daran die wichtigen Folgerungenknüpft, daß Leidenschaft nicht durch Leidenschaft, sondern durch eine feste und ruhigeBehandlung zu überwinden sei, und daß der kindlichen Unstetigkeit nicht durch Dar-bietung von zu vielen und zu verschiedenartigen sinnlichen Eindrücken Vorschub gethanwerden dürfe (vgl. d. Art. »Erste Kindheit" S. 1006); wenn dann weiter von ihr ge-fordert wird, daß Beruhigung der aufdämmernden Leidenschaft und Abwendung der die-selben hervorrufenden Anlässe zu den heiligsten Pflichten gegen das Kind gehöre, daßman den Kindern jene stille Heiterkeit erhalten soll, zu welcher sie so viele Neigunghaben, daß man sie mehr mit Sachen als mit Personen beschäftigen soll: so sinddies goldene Regeln, deren Berücksichtigung zwar jedem Kinde heilsam werden muß, dieaber dem weiblichen Geschlechte gegenüber mit besonderer Strenge und Gewissenhaftig-keit festgehalten werden sollten, weil demselben alle Leidenschaftlichkeit des Wesensüberhaupt ferner bleiben soll, als den: männlichen. Zu den wichtigsten Beförderungs-mitteln dieser Gemüthsruhe gehört eine feste Lebensordnnng, welche allen Fnne-tionen des kindlichen Daseins gegeben werden muß, und von der bei dem weiblichenGeschlechte um so weniger abgewichen werden darf, je mehr alle Befriedigung und alleWirksamkeit desselben dereinst in der Gewöhnung an eine solche Lebensordnnng und inder gewissenhaften Aufrechterhaltung derselben aufgehen soll. Gegen den Anfang deszweiten Jahres, wo die spielende Thätigkeit des Kindes beginnt, ist es von besondererWichtigkeit, das kleine Mädchen daran zu gewöhnen, daß es für sich allein spiele.Man reiche ihm die nöthigen ungefährlichen Beschäftigungsmittel, und zwar jeden Tagziemlich dieselben wieder, und überlasse es an einem sichern Ort, womöglich in dieMitte eines größeren Zimmers gesetzt, sich selbst. Kann man aus der Nähe das Kindbeaufsichtigen, so ist cs schon jetzt rathsam, es öfters in: Zimmer allein zu lassen.Ein so gewöhntes Kind wird sehr bald mehrere Stunden hinter einander in ungetrübterHeiterkeit fortspielen, und wird diese Gewohnheit der stillen Selbstbeschäftigung nichtdurch spätere Fehler der Erziehung wieder zerstört, so ist der Grund zu vielen: gutengelegt. Das unablässige Schwatzen mit den Kindern, das stete Umhertragen derselben,