Druckschrift 
4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
745
Einzelbild herunterladen
 

Mädchciierzichnnq.

745

Reiches Gottes gelenkt worden, ist auch die Frau vollkommen das geworden, was sievon Anfang an sein sollte, eine Geh ülfin des Mannes, die um ihn wäre, undwelcher er in Beziehung auf die irdischen und ewigen Zwecke des Lebens gleich sehrbedarf. Der Pflichtenkreis, der in dieser Aufgabe des weiblichen Lebens gesetzt ist, hateben so viel sittliche Würde und Bedeutung als derjenige des Mannes. Es war daher,wie A. Monod in seinen Reden an das weibliche Geschlecht (l-a komme, ckonx ckisvonrsI>. H.. Ll. illaris 1854) treffend hervorhebt, eine große Verkennung des eigentlichen Sach-verhältnisses, wenn Kant (lieber das Gefühl des Schönen und Erhabenen) dem Mannedie erhabene, dem Weibe die schöne Tugend vindicirte. Das Beispiel, welches Kantanführt, ist sehr geeignet, die Ungerechtigkeit dieses Urtheils zu zeigen. Wenn es demManne leichter wird als der Frau, zu Gunsten eines Freundes auf einen Theil desVermögens zu verzichten, so ist eben der Grund darin zu suchen, daß die Frau diesenVerlust in der Seele aller, die davon betroffen werden, empfindet, aber nicht indem persönlichen Egoismus der weiblichen Seele. Denn wie weit sehr häufig der He-roismus weiblicher Liebe die persönliche Aufopferungsfähigkeit des Mannes übertrifft, dasbedarf keiner Erwähnung. Es tritt eben auch hier hervor, daß in der sittlichen Auf-gabe des Mannes und des Weibes kein anderer Unterschied existire, als derjenige, welcherdurch die Gebundenheit des Weibes an die Lebensform der Familienhaftigkeit entsteht.Auf dieses Grundverhältnis gründet sich ferner jene regere, zartere und leichter verletz-bare Züchtigkeit, welche das Weib offenbart und welche Sitte und Gesetz von ihm for-dern. Wenn die Rechtsverhältnisse aller cultivirten Völker in dieser Beziehung dasWeib strenger beurtheilen als den Mann, um die Legitimität der Abkunft zu schützen,so sprechen sie nur aus, was schon die Schüchternheit, mit welcher die Natur in derweiblichen Seele das Schamgefühl bewacht, dem Weibe lehrt, daß es die sittliche Trä-gerin der Familie ist. Wie sich die Wurzel der Pflanze im dunklen Schooß der Erdeverbirgt, so soll sich das Weib in der Zurückgezogenheit des Hauses bergen, damit derStamm ihres Geschlechtes kräftig in's Leben wachse. Nur in der Familie ist das Weibfür die Familie sicher bewahrt. Mit dieser ganzen Bestimmung für daß Haus stehtaber ferner eine andere Eigenthümlichkeit des weiblichen Geschlechts in Verbindung,welche von entscheidender Bedeutung für die Aufgabe der Erziehung ist. In dem Weibesind alle sittlichen Eigenschaften unter einander inniger verbunden, als in dem Manne.Dieser kann gewiße einzelne Tugenden in besonderer Stärke offenbaren, neben denenvielleicht eben so große Schwächen des Charakters einhergehen. Je mehr aber ein Weibdas Prädicat der Weiblichkeit verdient, desto mehr ist die Mannigfaltigkeit der Tugendenaufgelöst in die Harmonie derselben, desto mehr ist ihr ganzes Wesen zur Erscheinungder Tugend überhaupt abgerundet. Was an der echten Weiblichkeit gefällt, das istnicht diese oder jene Eigenschaft, es ist das ganze Zusammenwirken aller edlen Eigen-schaften; es ist die Einfalt des Wesens, welche kein Gewicht auf diese oder jene Tüchtig-keit legt, sondern das Vorhandensein derselben als etwas natürliches und nothwendigesbetrachtet; es ist diese unbewußte und unerschöpfliche Lebensfülle und Liebesfülle, die ausdem weiblichen Herzen kommt und dasselbe in dem oft unbegreiflichen Wechsel seinerStimmungen zu einem Bilde der Natur selbst, zu einer in sich selbst abgeschlossenenWelt macht. In dieser Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur, die niemand herrlichergezeichnet hat als E. M. Arndt (a. a. O. S. 114 f.) ist der Grund dafür zu finden,daß schon das Alterthum auf die Frage, welches das beste Weib sei, die Antwort gab:diejenige, von der man am wenigsten spricht. Es ist eben kein besonderer Beruf unddarum keine besondere Leistung oder Eigenschaft, die von der Frau gefordert wird, son-dern der Beruf aller Frauen der Welt ist ein einiger und ein gleicher und wird vonderjenigen am richtigsten erfüllt, welche sich am meisten davor hütet, durch Eingehen aufbesondere Lebenszwecke die Einheit dieses ihres Berufs zu zersplittern und dadurch ihnselbst aufzugebcn. Sichtbar ist aber auch hier die Uebereinstimmung, in der wir dieweibliche Natur mit dem Wesen des Hauses finden. Denn gerade so, wie wir hier indem Weibe das Bild des ungetheilten ganzen Lebens sehen, soll ja auch das Haus, wie