Mädchenerziehung.
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kernhafte und den ganzen Menschen innerlich befreiende, reinigende und in seiner Um-gebung orientirende Bildung gar nickt gedacht werden kann, so gehört dies zu denVoraussetzungen, welche sowohl für das eine, wie für das andere Geschlecht gelten. Esscheint also, wenn über weibliche Bildung im Unterschiede von männlicher die Rede ist,der Erwähnung nicht mehr zu bedürfen, daß auch jene, wie diese, ihre tiefste Wurzelin der Frömmigkeit haben müße, da sich dies schon von selbst versteht. Es scheint auchgerade in dieser Beziehung um so weniger zuläßig, einen Unterschied zwischen den Ge-schlechtern zu machen, da die h. Schrift einen solcken nicht kennt und überall, wo essich um die Erlösungsbedürftigkeit und Erlösungsfähigkeit handelt, das gesammte Men-schengeschlecht auf eine gleiche Stufe stellt. Wenn nun gesagt wird, daß die Mädchen-bildung vorzugsweise eine religiöse sein soll, so entsteht die bedenkliche Frage, obdadurch nicht ein Unterschied zwischen den Geschlechtern gesetzt wird, der, weil er geradedie höchsten Angelegenheiten des Menschen betrifft, die Gleichberechtigung der Geschleckteraufhebt. Bedarf das Weib der Religion inehr als der Mann, weil ein tieferer Defectin der weiblichen Natur oder eine größere Schwachheit derselben durch die größereIntensität des religiösen Lebens ausgeglichen werden inuß, so wird offenbar dem Manneeine höhere sittlicke Qualität zugeschrieben, und wir treten auf den Standpunct desheidnischen Alterthums zurück. Bedarf das Weib aber einer tieferen Religiosität, weildie weibliche Natur ein näheres, unmittelbareres Verhältnis zu Gott hat und ebendarum eine innigere und beharrlichere Gemeinschaft mit Gott eingehen muß, als diemännliche, wenn sie ihre Bestimmung erfüllen und sich selbst genügen soll, so ist diesittliche Qualität des Weibes ohne Zweifel die höhere, denn sie steht dann Gott absolutnäher als der Mann. Nun sollte man zwar meinen, daß un letzteren Falle es geradeder Mann wäre, in dessen Erziehung der religiöse Factor betont werden müßte, da esja darauf ankäme, seiner natürlichen Unfähigkeit und Schwachheit in dem wesentlichstenPuncte der Bildung auf besondere Weise zu Hülfe zu kommen, daß hingegen gerade inder weiblichen Erziehung in diesem Puncte weniger zu thun wäre, weil die weiblicheNatur selbst durch ihre größere Empfänglichkeit für das Göttliche und durch ihre nähereVerwandtschaft mit demselben dem Einflüsse der Erziehung überall schon williger ent-gegen komme. Und doch wird der Forderung, daß die Bildung der Mädchen vorzugs-weise eine religiöse sein soll, gerade diese letzte Begründung gegeben. Es wird (vgl.z. B. Carus, Psyche S. 258) darauf hingewiesen, daß das Weib, vermöge eines ge-witzen Vorwaltens des unbewußten Lebens fester und unwandelbarer an dem Göttlichenhaften bleibe, als der Mann, daß das regere und lebendigere Gefühlsleben der weib-lichen Seele auf ein tieferes Walten des göttlichen Geistes in ihr weise rc. Dem ent-sprechend werden dann auch oft solche Aussprüche gehört, daß ein Weib ohne Religionein Ungeheuer sei und alle Vorzüge seiner Natur einbüße, daß dagegen an dein irreli-giösen Mann noch immer mancherlei geschätzt werden kann, wie z. B. seine Gesetzlich-keit, Pflichttreue, Ordnung u. s. w. Aber diese Behauptungen lassen sich bei nähererBetrachtung nicht halten. Der oft bemerkten Empfänglichkeit der Frauen für religiöseEindrücke steht gegenüber dieselbe Empfänglichkeit für Eindrücke anderer Art. Wenn dieKirchen vorzüglich von Frauen besucht werden, so bilden diese auch in den Theatern,Concerten und bei allem, was das Geräusch und der Wechsel des Lebens zu hören undzu sehen giebt, die entschiedene Mehrzahl. Die wahrhaft fromme Frau ist aber ebenso selten, als der wahrhaft fromme Mann. Tausende von Frauen stehen, was ihrreligiöses Leben betrifft, auf einem Standpuncte, der an Unsicherheit und Kraftlosigkeitdes Glaubens von dem zur Schau getragenen Judifferentismus der Männer kaumübertroffen wird, ohne daß ihnen der Vorwurf hervorragender Pflichtvergessenheit immergemacht werden darf, oder daß sic sofort zu Ungeheuern gestempelt werden dürften.Wenn denn freilich die Wirksamkeit solcher Frauen doch des tieferen Segens entbehrt,so muß behauptet werden, daß das Wirken des irreligiösen Mannes nicht weniger diesesSegens ermangelt. Auch er reißt mit der einen Hand nieder, was er mit der anderndurch die legalen Tugenden seiner Handlungsweise erbaut. Es ist eben hier kein Unter-
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